Wissenschaft
10.08.2020

Auf der «Polarstern» ist Corona kein Thema

Von Janet Binder, dpa

Bremerhaven (dpa) - Jahrelang war die einjährige Drift in der Arktis des deutschen Forschungsschiffes «Polarstern» mit Heimathafen Bremerhaven genauestens geplant worden. Für größere und kleinere Katastrophen waren am Alfred-Wegener-Institut (AWI) Notfallpläne ausgearbeitet worden.

Doch dann passierte etwas, womit niemand gerechnet hatte: die Corona-Krise. Eine Zeit lang musste befürchtet werden, dass die im September begonnene «Mosaic»-Expedition abgebrochen wird. «Das gesamte Logistikkonzept ist uns um die Ohren geflogen», sagt Expeditionsleiter Markus Rex rückblickend. Als schwierig erschien besonders der Personalaustausch während der Reise.

Doch AWI-Wissenschaftler Rex hielt stets am Rückkehrtermin 12. Oktober 2020 in Bremerhaven fest. Und sein Team und er schafften es mit einem Notfallplan tatsächlich, dass die Expedition fortgesetzt werden konnte. Inzwischen sei die Epidemie kaum noch Thema. «Corona haben wir fast schon vergessen an Bord», so Rex.

Am 20. September 2019 war die «Polarstern» vom norwegischen Tromsø aus gestartet. Kurz darauf driftete sie monatelang teils dicht am Nordpol mit einer riesigen Eisscholle mit, auf der ein Forschungscamp aufgebaut worden war. Rund die Hälfte der Zeit mussten die Wissenschaftler in der dunklen Polarnacht arbeiten. Ende Juli ist die Scholle in der sommerlichen Arktis in viele Einzelteile zerbrochen. Das Camp auf dem Eis war kurz zuvor abgebaut worden.

Die «Polarstern» ist noch einige Wochen für Messungen in der Region unterwegs, allerdings weiter nördlich. «Wir wollen solange bleiben, bis die Arktis wieder anfängt zuzufrieren. Das ist eine wichtige Phase im Eiszyklus», sagt Rex. Ende September wird die «Polarstern» schließlich ihre Rückfahrt antreten.

«Mosaic» ist eine Reise der Superlative: Über 70 wissenschaftliche Institute aus fast 20 Ländern sind mit Hunderten Forschern beteiligt. Die Wissenschaftler an Bord wurden während der Reise mehrfach per Schiff ausgewechselt, zuletzt am Wochenende. «Eine Arktis-Expedition in dieser Größenordnung hat es noch nie gegeben», sagt Rex. Die Kosten belaufen sich auf 140 Millionen Euro, Deutschland übernimmt die Hälfte.

Institute in aller Welt setzen große Hoffnungen auf die Ergebnisse der Expedition: Mit den Messungen und Experimenten im Nordpolarmeer soll der Klimawandel besser verstanden werden. Die Expeditionsteilnehmer beobachten dafür genauestens die Austauschprozesse zwischen Ozean, Eis und Atmosphäre. «Man kann jetzt schon sagen, dass die gewonnen Daten es erlauben werden, die sehr komplexen Prozesse im Klimasystem besser zu verstehen», betont Rex. Mit der Auswertung werde nach der Expedition begonnen. «Jetzt fokussieren wird uns erst einmal auf die Messungen.»

Der Wissenschaftler veranschaulicht seine Arbeit mit dem Bild einer Uhr: «Wer anfängt, jedes Zahnrädchen genauestens zu untersuchen und das Uhrwerk lange studiert, kann am Ende eine Uhr nachbauen», sagt Rex und fügt hinzu: «Wir wollen das Klimasystem nachbauen.» Dafür sei es nötig gewesen, den gesamten Lebenszyklus der Eisscholle zu begleiten, an die die «Polarstern» so lange angedockt war.

Allerdings musste das Forschungsschiff die Scholle für eine kurze Zeit verlassen und die Drift unterbrechen. Wegen der Corona-Krise und den damit verbundenen Reiseeinschränkungen konnte das Personal nicht wie geplant vor Ort auswechselt werden. Hier kam nun der neue Plan von Rex und seinem Team zum Zuge: Das Schiff fuhr nach Spitzbergen, um dort im Juni die neue Mannschaft an Bord zu holen und die alte von Bord zu lassen. Die Wissenschaftler hatten zwei Wochen in Bremerhavener Hotels in Quarantäne verbracht, um garantiert virusfrei zu sein. Seitdem ist auch Markus Rex wieder auf der «Polarstern». Er war bereits in den ersten Monaten auf dem Schiff und wird am 12. Oktober dabei sein, wenn die «Polarstern» in Bremerhaven einlaufen wird.

© dpa-infocom, dpa:200810-99-106780/2



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