Wissenschaft
24.06.2020

Überwachungssysteme scannen Weltraum nach Asteroiden

Von Oliver Pietschmann, dpa

Darmstadt (dpa) - Die Himmelsscheibe von Nebra, Sonnengötter oder Mondfinsternisse: Sonne, Mond und Sterne faszinieren die Menschen seit Jahrtausenden. Und Sternschnuppen gelten als romantisch.

Bei jedem in der Erdatmosphäre verglühenden Himmelskörper kann sich der Beobachter etwas wünschen - die Dinosaurier allerdings hatten keinen Wunsch mehr frei. Könnte ein Gesteinsbrocken aus dem All erneut viel Leben auslöschen wie einst vor 65 Millionen Jahren die Dinos?

«Die Gefahr eines großen Einschlags ist gering, aber nicht auszuschließen», sagt der Asteroidenforscher Alan Harris vom Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Die Wahrscheinlichkeit eines Einschlags eines Brockens von 100 Metern Größe liege bei einem Prozent in 100 Jahren. «So etwas könnte eine Großstadt oder Teile Deutschlands zerstören», erklärt er zum Asteroidentag am 30. Juni.

Dass größere Asteroiden auf die Erde treffen, kommt immer wieder vor. Im Februar 2013 richtete die Explosion eines 20-Meter-Brockens in der russischen Millionenstadt Tscheljabinsk Verwüstungen an. Die Druckwelle verletzte ohne jede Vorwarnung rund 1500 Menschen zumeist durch zerborstene Scheiben. Der Asteroid kam aus dem Nichts.

«Wenn wir den vorher entdeckt hätten, hätte es eigentlich ausgereicht, die Fenster aufzumachen», sagt der Asteroidenexperte der europäischen Raumfahrtagentur Esa, Detlef Koschny. «Da würde es reichen, wenn wir die Leute einen Tag vorher über das Radio informieren.» Ein Asteroid dieser Größenordnung setzt bei der Explosion in der Atmosphäre eine Energie von 500 Kilotonnen des Sprengstoffs TNT frei. Die Hiroshimabombe hatte 15 Kilotonnen.

Am 30. Juni 1908 kam es ebenfalls in Russland zu einer Asteroidenexplosion: In der Tunguska-Region in Sibirien fegte die Druckwelle Millionen Bäume auf einer Fläche fast so groß wie das Saarland weg. Wegen dieser Naturkatastrophe riefen die Vereinten Nationen 2016 den 30. Juni zum Internationalen Asteroidentag aus.

Erst im letzten Jahr hatten die Wissenschaftler die Befürchtung, dass der bis zu 50 Meter große Asteroid «2006QV89» die Erde treffen könnte. Die Chance für eine Kollision lag vor der Entwarnung durch die Experten laut Risikoliste der Esa bei 1 zu 7299. Zum Vergleich: Für einen Lottogewinn mit sechs Richtigen plus Zusatzzahl liegt die Chance bei 1 zu 140 Millionen.

Kleine Gesteinsbrocken fliegen fast täglich in die Erdatmosphäre und verglühen. Im Weltraum ist das nichts ungewöhnliches. Durch solche Kollisionen entstanden einst auch die Planeten unseres Sonnensystems. Die meisten Objekte sind aus Stein und Koschny zufolge nicht, wie manchmal befürchtet, radioaktiv. «Das ist nichts anderes als das was wir auf der Erde auch finden.» Der Prozess habe nicht aufgehört, sagt auch Harris. Er habe sich nur abgeschwächt in den Milliarden Jahren.

«Es gibt zwei große Überwachungsprogramme, beide von der Nasa finanziert, die quasi jede Nacht den Himmel scannen und nach diesen Objekten suchen», erläutert Koschny. Mit den Daten könnten dann Bahnen der Asteroiden ausgerechnet werden. In Europa werde derzeit ein zusätzliches Überwachungsteleskop entwickelt, dass 2022 auf Sizilien in Betrieb gehen soll. Die Amerikaner arbeiteten an einem satellitengestützten Teleskop. «Ein Teleskop auf der erdabgewandten Seite des Mondes wäre natürlich noch besser», so Koschny. Nur wäre es auch sehr teuer.

Bei Asteroiden von einer Größe von 50 Metern und mehr müsse man über eine Ablenkung nachdenken. «Bei 50 Metern, da würde man dann schon ein ganzes Bundesland evakuieren müssen», sagt Koschny. Das Szenario wäre dann, einen Satelliten auf Konfrontationskurs zu schicken und die Flugbahn der viele Kilometer pro Sekunde schnellen Brocken abzulenken. Die US-Kinohit «Armageddon» ist auch keine reine Science-Fiction. Laut Harris gibt es in den USA Diskussionen über den Einsatz von Nuklear-Raketen.

Die Gefahr eines großen Einschlags ist den Experten zufolge eher gering, aber nicht komplett auszuschließen. «Von den ganz großen, größer als ein Kilometer, sind 95 Prozent bekannt», ist sich Koschny sicher. Der Dinokiller war Harris zufolge zwölf Kilometer groß. Einen solchen Brocken würde man mit heutiger Technology Jahrhunderte vorher sehen. «Da haben wir genug Zeit.»

© dpa-infocom, dpa:200624-99-542277/2



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