Computer und Co.
27.07.2020

SAP will US-Tochter an die Börse bringen

Walldorf (dpa) - Europas größter Softwarehersteller SAP hat mitten in der Corona-Krise mehr Gewinn gemacht und will die Gunst der Stunde für den Teilbörsengang einer Tochter nutzen.

Dass es im zweiten Quartal überraschend gut gelaufen war für die Walldorfer, hatte das Dax-Schwergewicht schon vor zweieinhalb Wochen mit Zahlen zu Umsatz und operativem Gewinn gezeigt. Aber auch unterm Strich blieb deutlich mehr übrig als vor einem Jahr, wie es am Montag hieß. Am Vorabend hatte SAP die Anleger bereits erneut überrascht: Der seit Anfang 2019 zum Konzern gehörende US-Milliardenzukauf Qualtrics soll an die Börse gebracht werden.

SAP-Finanzchef Luka Mucic wollte zunächst keine Angaben über eine mögliche Bewertung von Qualtrics machen. Details zum Zeitplan und zum Umfang des möglichen Angebots soll es ebenfalls später geben. Um 14 Uhr stellt sich die SAP-Spitze in einer Analystenkonferenz noch den Fragen der Aktienexperten. Gemessen an der Börsenbewertung direkter und ähnlich schnell wachsender Rivalen könne Qualtrics auf einen Unternehmenswert von rund 14 Milliarden Euro kommen, hieß es von Julian Serafini, Analyst bei der US-Investmentbank Jefferies. Er geht aber auch von einer möglicherweise breiten Bewertungsspanne aus. SAP selbst ist Deutschlands mit Abstand wertvollster börsennotierter Konzern.

Im November 2018 hatte Ex-Chef Bill McDermott die Übernahme des auf Marktforschungs- und Umfragedaten spezialisierten Anbieters Qualtrics kurz vor dessen damals geplantem Börsengang angekündigt. SAP zahlte 8 Milliarden US-Dollar (heute rund 6,9 Mrd Euro), Qualtrics sollte ein neuer Baustein in der Cloudstrategie des Unternehmens werden. Nun will der neue Vorstandschef Christian Klein das gute Marktumfeld für Tech- und Cloudwerte insbesondere an den US-Börsen nutzen. Qualtrics soll daher in New York gelistet werden.

Das Cloudgeschäft gilt gerade in der Krise als wetterfest. Während auch bei SAP die Lizenzerlöse absacken, also die Softwareverträge gegen große Einmalzahlung, fließen die Abonnementzahlungen weiter - wenn Kunden kündigen, verlieren sie hier nämlich in aller Regel den Zugang zur genutzten Software. Zwar leiden auch die Cloudangebote, die über Nutzungs- und Transaktionsgebühren abgerechnet werden, dennoch konnte SAP dank der immer noch boomenden Geschäfte mit Software zur Nutzung über das Internet den Umsatz im vergangenen Quartal insgesamt um 2 Prozent auf 6,7 Milliarden Euro steigern.

SAP will Mehrheitsaktionär von Qualtrics bleiben und weiter vom starken Wachstum der Sparte profitieren - im zweiten Quartal lag es bei 34 Prozent. Klein und Qualtrics-Chef Ryan Smith sagten in einer Telefonkonferenz, Qualtrics solle unter anderem mit mehr Kapital ausgestattet werden. SAP könnte sich mit dem Erlös weitere Zukäufe im schnell wachsenden Marktsegment mit Daten zum Verbraucherverhalten leisten.

Qualtrics sammelt Daten etwa auf Webseiten von Internethändlern oder über Umfragen - das Angebot soll Händlern ein genaueres Steuern von Werbung und Marketing ermöglichen. Mit Qualtrics sollten die SAP-Programme zum Steuern von Unternehmen ergänzt werden um den Fokus auf die Verbraucher, die bei den SAP-Kunden einkaufen. Damit will SAP auch den US-Rivalen Salesforce attackieren, der bei Software für den Vertrieb und das Kundenmanagement die Nase vorn hat.

Zuletzt hatte es in Walldorf Knatsch gegeben, wie mit den selbstbewussten US-Zukäufen der vergangenen Jahre umgegangen werden soll - Aufsichtsratschef und Mitgründer Hasso Plattner hatte dem seit April allein an der Vorstandsspitze stehenden Klein mit auf den Weg gegeben, die Cloudfirmen besser in den Konzern zu integrieren. Qualtrics bekommt nun jedoch mehr Freiheiten. Gründer Smith will mit dem Börsengang zum größten Privataktionär der Firma werden. Auch sollen die Amerikaner künftig unabhängiger agieren können.

In der Corona-Pandemie war SAP auf die Kostenbremse getreten, im ersten Quartal waren die so lukrativen Lizenzverkäufe so stark weggebrochen, dass die Walldorfer sogar die Finanzprognosen senken mussten. Zwischen April und Ende Juni kletterte aber der Gewinn unterm Strich um 52 Prozent auf 885 Millionen Euro. Das lag auch daran, dass ein Programm zum Abbau von Stellen ein Jahr zuvor knapp 200 Millionen Euro gekostet hatte. Die im April gesenkten Jahresprognosen zu Umsatz und operativem Ergebnis bestätigte das Unternehmen.

© dpa-infocom, dpa:200727-99-934879/3



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    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation