Thema des Tages
14.07.2020

Oppenau: Bewaffneter Mann weiter auf Flucht

Von Sönke Möhl und Catherine Simon, dpa

Oppenau (dpa) - Der seit Tagen gesuchte Mann aus Oppenau im Schwarzwald ist nach Angaben der Ermittler ein Waffennarr, hat aber wohl keinen rechtsradikalen Hintergrund.

«Wir wissen nicht, was den Schuldigen bewogen hat, so zu handeln», fügte Oberstaatsanwalt Herwig Schäfer bei einer Pressekonferenz hinzu.

Der vorbestrafte Deutsche ohne festen Wohnsitz war am Sonntag in einer Hütte, in die er eingebrochen war, von der Polizei kontrolliert worden. Dabei bedrohte er vier Beamte unvermittelt mit einer Schusswaffe und nahm ihnen ihre Dienstwaffen ab. Seitdem ist der 31-Jährige verschwunden. Nach ihm wird mit nationalem und europäischem Haftbefehl gesucht - wegen besonders schwerer räuberischer Erpressung. Das Strafmaß für eine solche Tat liegt zwischen fünf und 15 Jahren Haft.

Nach den Worten Schäfers hat der Mann eine «große Affinität zu Waffen». Der Oberstaatsanwalt bezeichnete den 31-Jährigen als «Waffennarr». Er sei in der Schwarzwald-Gemeinde bekannt und erscheine als etwas «seltsame Person». Er sehe sich als «Waldläufer», der gut allein in der Natur zurechtkomme. Die Ermittler gehen davon aus, dass sich der Gesuchte noch in der Region Oppenau aufhält. «Er lebt im Wald, er fühlt sich hier sicher», sagte Polizeipräsident Reinhard Renter. «Der Wald ist schlicht sein Wohnzimmer.»

Es werde weitere Durchsuchungen und verdeckte Maßnahmen geben, um den 31-Jährigen zu finden. Die Polizei richtet sich jedoch auf eine längere Suche ein. Renter betonte: «Wir haben einen langen Atem.» Aktuell seien etwa 200 Polizisten im Einsatz. Am Montag hätten sogar bis zu 440 Beamte, darunter Spezialkräfte, das unwegsame und steile Waldgelände im Ortenaukreis durchsucht und das Städtchen Oppenau gesichert. Die Suche sei aber wegen des großen, unübersichtlichen und steilen Geländes schwierig.

Der Gesuchte war nach Schäfers Worten nie in einem Schützenverein. Bereits 2010 sei ihm untersagt worden, Waffen und Munition zu besitzen. Den Ermittlungen zufolge geriet er schon mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt - unter anderem wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz. 2010 war er zu einer Jugendstrafe von dreieinhalb Jahren verurteilt worden. Er hatte nach Angaben der Staatsanwaltschaft in Pforzheim im Jahr zuvor mit einer Sportarmbrust auf eine Frau geschossen und diese schwer verletzt.

Im Herbst habe er seine Wohnung in Oppenau verloren und sei seitdem ohne festen Wohnsitz. Einen Beruf habe er gelernt, sei aber zuletzt arbeitslos gewesen. In der Gartenhütte habe er sich ohne Erlaubnis häuslich eingerichtet - daher habe der Besitzer die Polizei gerufen.

In der Hütte befanden sich ein Bogen und Pfeile sowie Munition. Als die Polizeibeamten ihn kontrollierten, habe der 31-Jährige hinter einem Tisch gesessen und einen entspannten Eindruck gemacht. Erst als die Beamten ihn aufforderten, die Hütte zu verlassen, und ihn durchsuchen wollten, habe der Mann plötzlich eine Schusswaffe gezogen und diese auf einen der Beamten gerichtet. Er forderte die Einsatzkräfte auf, ihre Waffen auf den Boden zu legen. Dann habe der 31-Jährige die Waffen an sich genommen und sei geflohen.

Damit sei die Lage zumindest für einen Kollegen lebensbedrohlich gewesen, so Renter. Nur durch das besonnene Verhalten der Polizisten habe es keine Verletzten gegeben. Die vier Beamten hätten somit bei der Kontrolle des Mannes «alles richtig gemacht».

Renter sagte: «Das höchste Gut ist unser Leben.» Er zeigte sich verärgert über Kommentare in sozialen Netzwerken, in denen sich Nutzer über die Polizisten lustig gemacht hatten. «Ich verurteile das aufs Schärfste.» Niemand könne sich in eine solche Situation hineinversetzen. «Die Beamten hatten Angst um ihr Leben», sagte Schäfer. Der bedrohte Polizist habe nach eigener Aussage jederzeit damit gerechnet, dass er «in dieser Hütte sterben könnte».

Die Schulen in Oppenau waren am Dienstag wieder geöffnet, wie Bürgermeister Uwe Gaiser sagte. Mit der Polizei war ein Sicherheitskonzept abgestimmt worden. Eltern durften selbst entscheiden, ob sie ihre Kinder in die Schule schicken wollten.

© dpa-infocom, dpa:200714-99-780268/7



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