Thema des Tages
01.06.2020

Der Mann, der die Welt verpackte: Christo ist tot

Von Christina Horsten und Johannes Schmitt-Tegge, dpa

New York (dpa) - Wer glaubte, dass Christo in seinem silbern verpackten Berliner Reichstag oder seinen leuchtend gelben, schwimmenden Stegen auf einem See in Italien irgendeine tiefere Bedeutung sah, der irrte. «Es ist total irrational und sinnlos», sagte der bulgarisch-amerikanischer Verpackungskünstler einmal über seine Arbeiten.

Doch die Schönheit seiner in abstrakte Objekte verwandelten Gebäude und Landschaften faszinierte Millionen. Am Sonntag ist Christo im Alter von 84 Jahren in New York gestorben, wie auf seiner Website mitgeteilt wurde und sein Büro der Deutschen Presse-Agentur bestätigte.

Zuletzt hatte der Künstler «ohne Pause» in seinem New Yorker Studio auf die Verhüllung des Pariser Triumphbogens hingearbeitet, wie er der Deutschen Presse-Agentur noch Mitte April in einem Interview erzählte. Es hätte sein «Höhepunkt des Jahres» werden sollen, musste aber wegen der Coronavirus-Pandemie auf 2021 verschoben werden. Schon vor rund 60 Jahren hatte Christo die ersten Skizzen für das Projekt angefertigt.

Stets war es ein Spiel aus Form und Farbe, wenn der am 13. Juni 1935 als Christo Vladimiroff Javacheff im bulgarischen Gabrovo geborene Künstler wieder ein Stück Welt mit Kunststoffbahnen überzog. Zu den berühmtesten seiner weltweit realisierten Projekte zählten die safranfarbenen Tore im New Yorker Central Park («The Gates»), die schwimmende, mit Nylongewebe bezogene Stege auf dem Wasser des Iseo-Sees in der Lombardei («Floating Piers») sowie der 1995 verhüllte Berliner Reichstag und die verpackte Pont Neuf in Paris.

Die teils aus vielen Kilometern Entfernung sichtbaren Installationen, etwa der «Valley Curtain» in Colorado oder gelben und blauen Riesen-Sonnenschirme in Japan und Kalifornien («The Umbrellas»), entstanden bald nur noch im Team. Mit seiner Frau Jeanne-Claude, mit der er seit den 90er Jahren stets als Duo auftrat, kämpfte Christo von ersten Plänen bis zur Realisierung eines Projekts teils mehrere Jahrzehnte. Die aus Casablanca in Marokko stammende und am selben Tag wie Christo geborene Jeanne-Claude war 2009 im Alter von 74 Jahren in New York an einer Hirnblutung gestorben.

«Jeanne-Claude und ich, wir machen diese Dinge für uns selbst», gab der Künstler zu verstehen. «Wenn es jemand mag, ist es nur ein Bonus. Wir machen Dinge, die uns visuell gefallen.» Der Weg sei dabei das Ziel: «Diese Projekte bringen uns an Orte, die so viel reicher sind als die Kunstwelt oder die Galerie oder das Museum. Wir können mit vielen verschiedenen Menschen arbeiten. Es ist ein Abenteuer und sehr aufregend und töricht.»

Die Ehe der beiden war auch eine aus Sozialismus und Kapitalismus: Der in Bulgarien marxistisch geschulte Christo, der weder Gelder von Sponsoren noch staatliche Subventionen akzeptierte, konnte die kostenlose Kunst für Millionen erst durch den Unternehmergeist seiner Frau verwirklichen. 2005 lehnten sie das Kaufangebot eines Finanziers über 50 Millionen Dollar für die 7500 orangefarbenen Tore und Stoffe aus dem Central Park ab. Christo soll auf das Angebot gesagt haben: «Ich würde sie auch für 100 Millionen nicht verkaufen».

Deshalb und auch wegen der über Kilometer sichtbaren, visuellen Durchschlagskraft der Werke begeisterte das Paar. Unvergessen ist in Deutschland vor allem der in silberne Stoffbahnen verhüllte, mit blauen Seilen verschnürte Berliner Reichstag. Das Spektakel über zwei Wochen im Jahr 1995 sei nicht weniger gewesen als ein nachgeholtes Sommerfest zum Mauerfall, erinnerte sich Rüdiger Schaper vom Berliner «Tagesspiegel» zum 20. Jubiläum.

Auch für das Reichstags-Projekt hatte das Künstler-Paar jahrzehntelang um eine Genehmigung gekämpft - und diese schließlich per offizieller Bundestags-Abstimmung, angesetzt von der damaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, bekommen. «Sie hat Jeanne-Claude und mich in ihr Haus nach Bonn eingeladen, um mit ihr zu reden», erinnerte sich Christo im Interview der Deutschen Presse-Agentur. «Ich sage immer, wenn Rita Süssmuth nicht gewählt worden wäre, hätte das Reichstags-Projekt nicht stattgefunden.» Mit einem als «Big Air Package» getauften Luftpaket im Gasometer Oberhausen verwirklichte Christo im Jahr 2013 ein Projekt erstmals ohne seine Frau.

Die finanzielle Unabhängigkeit verschaffte Christo viel Freiraum in seinen jahrelangen Bemühungen, ein Projekt teils gegen Widerstand von Umweltschützern und trotz Auflagen von Baubehörden umzusetzen. So gab er 2017 im offenen Protest gegen US-Präsident Donald Trump die Arbeit «Over The River» im Staat Colorado auf, in das er über 20 Jahre rund 15 Millionen Dollar investiert hatte. Das Gelände am Arkansas River hätte er von der US-Regierung unter Trump mieten müssen.

Die Vergänglichkeit der temporären Großinstallationen erinnerte stets auch an die Flüchtigkeit des Lebens selbst. «Es ist irgendwie naiv und arrogant, zu glauben, dass dieses Ding für immer bleibt, für die Ewigkeit», bemerkte Christo zur Zeit der Reichstagsverhüllung. Vieles hatte er noch verwirklichen wollen - wie etwa «Mastaba», eine 150 Meter hohe Skulptur aus mehr als 400.000 Ölfässern in den Vereinigten Arabischen Emiraten, an der der Künstler seit 1977 arbeitete.

Leuchtende Kunststoffflächen, Bauwerke und Landstriche, wie zu überdimensionalen Geschenken oder Paketsendungen verpackt - faszinierende Bilder werden von Christos Arbeit in Erinnerung bleiben. Dass heute fast keine mehr davon zu sehen ist, dürfte ihre Pracht nur verstärkt haben. «All diese Projekte haben eine starke Dimension des Fehlens, der Zurückhaltung», sagte Christo zur Reichstagsverhüllung. «Sie werden verschwinden, wie unsere Kindheit, unser Leben.» Erst das mache die Erfahrung so intensiv.



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    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation