Überblick
29.06.2020

«Als großes Ganzes gescheitert»: Nächster HSV-Umbruch

Von Thomas Prüfer, Franko Koitzsch und Stefan Flomm, dpa

Hamburg (dpa) - Nach dem zweiten kläglich gescheiterten Anlauf auf die Fußball-Bundesliga ist der große HSV zum «Hamburger Spott-Verein» geworden und muss am Tiefpunkt seiner Vereinsgeschichte den nächsten Umbruch starten.

Selbst der als Heilsbringer geholte Trainer Dieter Hecking konnte den Totalschaden nicht verhindern - und scheint deshalb auch nicht mehr völlig unantastbar zu sein. «Wir haben das als großes Ganzes angefangen - und genau so sind wir jetzt als großes Ganzes gescheitert», räumte der 55-Jährige nach dem 1:5-Debakel im Heimspiel gegen den SV Sandhausen zerknirscht ein. Einzelne Schuldige wolle er nicht benennen, fügte Hecking in ehrenvoller Absicht hinzu.

Da sich sein Vertrag nur beim Aufstieg automatisch verlängert hätte, muss eine Analyse mit Sportvorstand Jonas Boldt und Aufsichtsratschef Marcell Jansen zeigen, ob die Zusammenarbeit - wie bisher allseits gewünscht - tatsächlich fortgesetzt wird. «Jetzt muss man gucken, ob wir dieses große Ganze wieder so aufstellen können, dass alle das Gefühl haben: Es kann im nächsten Jahr klappen», betonte Hecking und deutete damit an, dass die Bedingungen auch für ihn stimmen müssen.

Als im vergangenen Jahr «das gesamte Sportsystem kollabiert» war, wie es der damalige HSV-Chef Bernd Hoffmann ausdrückte, rollten Köpfe. In diesem Jahr sieht zumindest der bisherige Plan vor, dass die sportlich Verantwortlichen beisammen bleiben, um nicht wieder bei Null anfangen zu müssen. «Wir werden in den nächsten Tagen in die Analyse gehen und die richtigen Schlüsse ziehen», kündigte Chefkontrolleur Jansen an.

Lothar Matthäus kann es kaum fassen, wie leichtfertig der HSV erneut seine Chance verspielt hat. «Diejenigen, die momentan und in den letzten Jahren die Raute auf der Brust tragen durften, haben es einfach nicht verdient. Ein Bild des Jammers», schrieb der deutsche Rekord-Nationalspieler in seiner Kolumne auf skysport.de - und nahm zugleich die Club-Verantwortlichen aufs Korn: «Auch die Mannschaft neben dem Platz darf von Kritik nicht ausgenommen werden. Trainer, Sportdirektor, Präsident. Alle haben ihren Teil zur erneuten Blamage beigetragen.»

Rafael van der Vaart ist dafür, an Hecking festzuhalten. «Wie oft hat man beim HSV schon Trainer gewechselt?», sagte der ehemalige HSV-Star der «Bild-Zeitung». Es sei an der Zeit, Spieler zu wechseln, meinte der Niederländer. «Wenn keine Qualität da ist, könnten auch Mourinho oder Guardiola Trainer sein. Es würde nichts bringen.»

Es steht aber ohnehin der nächste Umbruch im Kader an, der zwar der zweitteuerste der 2. Liga ist, aber den Beweis seiner Klasse schuldig blieb. Denn letztlich waren es die Profis, die auf dem Platz versagten. Allein nach der Corona-Pause ließen sie in Fürth (2:2), Stuttgart (2:3), Heidenheim (1:2) und gegen Kiel (3:3) durch zum Teil haarsträubende Last-Minute-Gegentore sechs Punkte liegen.

Die Krönung folgte im Saisonfinale: Statt die Steilvorlage des 1. FC Heidenheim (0:3 in Bielefeld) zu nutzen und das eine fehlende Pünktchen zu sichern, ging der HSV gegen den Verein aus der 15.000-Seelen-Gemeinde Sandhausen unter und verpasste erneut als Vierter die Relegation.

Boldt hat beim Personalpuzzle eine Mammutaufgabe vor sich, denn neben den Leihspielern (Fein, Harnik, Beyer, Schaub und Pohjanpalo) gelten die Abgänge von Jairo Samperio und Christoph Moritz als sicher. Für Rick van Drongelen (fällt mit Kreuzbandriss sechs Monate aus) muss Ersatz her. Gerade in der Abwehrzentrale, die größte Schwachstelle im Team, besteht Handlungsbedarf.

Eventuell müssen Leistungsträger wie Tim Leibold, Bakéry Jatta oder Jeremy Dudziak, die dieses Prädikat über weite Strecken der Saison auch verdienten, verkauft werden, um gerade in Corona-Zeiten ohne Zuschauereinnahmen flüssig zu bleiben.

Durch die abermals verpasste Oberhaus-Rückkehr gehen dem HSV nicht nur rund 20 Millionen Euro an Fix-Einnahmen flöten. Auch das weitere Engagement der beiden größten HSV-Partner ist offen. Am Dienstag läuft der Vertrag mit Klaus-Michael Kühne über die Namensrechte am Volksparkstadion aus. Bisher hat der Milliardär, der als größter Einzelaktionär 20,57 Prozent Anteile an der Fußball AG des HSV hält, vier Millionen Euro pro Jahr bezahlt. Zudem könnte die ebenfalls von Corona stark betroffene Airline Emirates als Hauptsponsor nach dem Nichtaufstieg eine Ausstiegsklausel aus dem Vertrag bis 2022 ziehen.

© dpa-infocom, dpa:200628-99-597032/5



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    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation