Überblick
21.04.2020

Schneller Start? Termin für Geisterspiele bleibt offen

Von Ulrike John, Thomas Eßer und Anne-Béatrice Clasmann, dpa

Frankfurt/Main/Berlin (dpa) - Ganz so schnell geht es dann doch nicht mit den Geisterspielen. Der öffentlichkeitswirksamen Ankündigung der Ministerpräsidenten Markus Söder und Armin Laschet zum möglichen Bundesliga-Neustart am 9. Mai widersprach direkt am Dienstag das Bundesinnenministerium.

Zudem äußerte das Robert Koch-Institut ernste Zweifel an der Sinnhaftigkeit, mitten in der Coronavirus-Krise wieder Fußball zu spielen. Kritische Fangruppen machen der Deutschen Fußball Liga außerdem offenbar schwer zu schaffen.

In einer ausführlichen Stellungnahme äußerte sich das DFL-Präsidium zu den aufregenden vergangenen Stunden, in denen der Profifußball mehr denn je ins Zentrum gesellschaftspolitischer Diskussionen rückte. Gegen den Vorwurf, eine Sonderrolle während der Pandemie zu beanspruchen, wehrte sich der Dachverband erneut massiv. «Es geht an den Fakten vorbei, wenn unterstellt wird, dass eine mögliche engmaschige Testung eine Unterversorgung der Bevölkerung verursache», schrieb das Präsidium.

«Ich bin davon überzeugt, dass wir die nachvollziehbaren Sorgen, Ängste und Bedenken mit den Fakten sowie guten Argumenten entkräften können», sagte Fritz Keller, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, und betonte erneut: «Fußball beansprucht keine Sonderrolle.»

Während ihrer Mitgliederversammlung am Donnerstag wird sich die Dachorganisation der 36 Proficlubs nicht auf einen konkreten Termin für den Neustart in der 1. und 2. Liga festlegen. Die Entscheidung darüber liege «selbstverständlich bei den zuständigen politischen Gremien», teilte die DFL mit - und ist damit auf der Linie des BMI.

Dieses ist strikt dagegen, jetzt schon einen Termin für die Wiederaufnahme der Saison zu nennen. Das geht aus einem Schreiben des parlamentarischen Staatssekretärs Stephan Mayer (CSU) an die Vorsitzende der Sportministerkonferenz, die Bremer Senatorin Anja Stahmann (Grüne), hervor, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Im Nachbarland Niederlande beschloss die Regierung am Dienstagabend, dass wegen der unsicheren Corona-Lage bis zum 1. September kein Fußball gespielt wird - auch nicht mit Geisterspielen.

Die Möglichkeit von Partien ohne Zuschauer in Deutschland ab dem 9. Mai hatten Söder (CSU) und Laschet (CDU), die Landeschefs von Bayern und Nordrhein-Westfalen, am Montag im Live-Programm der «Bild» in Aussicht gestellt. Das BMI mahnt: Vor einer Entscheidung seien aber erst «die weiteren Entwicklungen der Pandemie in Deutschland» und die Konzepte der Fußball-Organisationen abzuwarten, hieß es in dem Schreiben vom Dienstag.

Den Empfehlungen der Task Force der DFL zufolge, über die das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» am Dienstag berichtete, sollen bei den Geisterspielen maximal 300 Personen aufgeteilt in drei Zonen anwesend sein. Die Experten gehen tief ins Detail und geben etliche Anweisungen für die Hygienemaßnahmen, darunter viel Grundlegendes in Zeiten der Pandemie: «Immer gilt: Nach dem Naseputzen, Niesen oder Husten gründlich die Hände waschen oder desinfizieren.»

Ein Konzept fordern auch viele Fans - allerdings nicht für eine möglichst schnelle Rückkehr zum Spielbetrieb. «Wir möchten nicht mehr über Symptome diskutieren, sondern endlich über die Krankheit und die Wege zur Gesundung des Fußballs sprechen», schrieb die Organisation «Unsere Kurve» in einer Stellungnahme. Der «neue Fußball» brauche Visionäre, um eine Balance zwischen wirtschaftlichen Interessen und gesellschaftlicher Verantwortung herzustellen.

Der DFL und der Bundesliga droht damit nach den Protesten gegen Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp und die Kollektivstrafe die nächste Zerreißprobe - mitten in der Corona-Krise. «Vereine und Verbände sind herausgefordert, jetzt verbindliche Schritte zur Gesundung des Profifußballs einzuleiten und zu gehen», hieß es bei «Unsere Kurve». Das DFL-Präsidium schrieb daraufhin: «Es steht außer Frage, dass künftig Nachhaltigkeit, Stabilität und Bodenständigkeit zu den entscheidenden Werten gehören müssen. Diese Werte gilt es nach Überwindung der akuten Krise in konkrete Maßnahmen umzusetzen.»

Die «Fanszenen Deutschland» mit ihren Ultras hatten sich bereits vergangene Woche eindringlich gegen Spiele ohne Zuschauer ausgesprochen und ebenfalls einen Kulturwandel gefordert: «Der Profifußball ist längst krank genug und gehört weiterhin in Quarantäne.» Michael Gabriel, Chef der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), äußerte, dass die Verantwortung für die Einbindung der Fans «ganz klar» bei den Vereinen liege. «Dort müsste es als Chance verstanden werden, den Fußball gemeinsam mit ihren Fans zu verbessern», sagte er der dpa. «Eine realistische Stellschraube könnte dabei die Verteilung der TVGelder sein.»

Darüber, dass ausgerechnet Profi-Fußballer zum Neustart des Spielbetriebs ständig auf das Coronavirus getestet werden müssen, wird seit Tagen aufgeregt diskutiert. Lars Schaade, der Vizepräsident des Robert Koch-Instituts, steht den geplanten Tests sehr skeptisch gegenüber. «Ich sehe nicht, warum bestimmte Bevölkerungsgruppen, ob die nun Sportler sind - man kann sich ja auch alles andere ausdenken, was möglicherweise ein gewisses gesellschaftliches Interesse hat, - warum die routinemäßig gescreent werden sollen», sagte der Vertreter von Lothar Wieler auf der RKI-Pressekonferenz in Berlin.

Die DFL wiederum verwies auf die jüngsten Zahlen der «Akkreditierten Labore in der Medizin» (ALM). «Die Test-Kapazitäten sind in den vergangenen Wochen massiv gesteigert worden.» Das derzeit diskutierte Konzept der Bundesliga erfordere weniger als 0,5 Prozent der aktuellen Testkapazität. «Hinzu kommt: Die bestehenden Kapazitäten werden laut ALM nicht ausgeschöpft», schrieb der Verband. «Völlig klar ist aber auch: Sollte es durch künftige Entwicklungen z.B. eine zweite Corona-Infektionswelle tatsächlich Engpässe geben, wird die DFL die Versorgung der Bevölkerung selbstverständlich nicht beeinträchtigen.»



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