Wissenschaft
19.02.2019

Studie: Wölfe wählen Militärgelände gern als Lebensraum

Spreetal (dpa) - Wölfe besiedeln laut einer Studie Militärgelände lieber als Naturschutzgebiete. Truppenübungsplätze sind für die Tiere selbst dann kein Problem, wenn dort Schießübungen stattfinden.

«Das ist für alle Tiere eine gut berechenbare Störung», sagte Ilka Reinhardt, Leiterin der Studie, am Montag der Deutschen Presse-Agentur in Dresden.

Zwischen 2000 und 2015 entstanden 16 von insgesamt 79 neuen Wolfsgebieten auf Militärgelände. Dagegen wählten die Räuber Naturschutzgebiete nur 9 Mal als Lebensraum. Die restlichen Reviere lagen in anderen Gegenden. Inzwischen leben Wölfe auf 13 von 21 Truppenübungsplätzen mit einer Fläche von 30 Quadratkilometern und mehr. Bei ähnlich großen Naturschutzgebieten sind es nur 8 von 55.

Die Forscher gehen davon aus, dass die wölfische Vorliebe für Militärgebiete mit der geringeren Präsenz von Jägern dort zu tun hat - obwohl sie als streng geschützte Art ohnehin nicht geschossen werden dürfen. Es kommt aber immer wieder zu illegalen Abschüssen. Bei ihrer Analyse fanden die Wissenschaftler heraus, dass die Sterblichkeit von Wölfen auf Militärgelände geringer ist als in Naturschutzgebieten.

Vanessa Ludwig vom Kontaktbüro «Wölfe in Sachsen» bestätigte, dass die Raubtiere mit Militärgelände gut zurechtkommen. «Wölfe fühlen sich auf Truppenübungsplätzen wohl, weil es dort aufgrund der Absperrung außer den militärischen Aktivitäten keine anderen Störungen gibt», sagte die Expertin. Spaziergänger, Radfahrer oder Pilzsucher seien für Wildtiere dagegen viel stressiger.

Da sich aus den gleichen Gründen auch die Beutetiere des Wolfes auf Militärgebiet wohlfühlen, sei zugleich das Nahrungsangebot für die Raubtiere größer, erklärte Ludwig. Wölfe registrierten genau, wo Jagden stattfinden und merkten sich das. Ilka Reinhardt zufolge sind die Tiere auch in der Lage, Vorbereitungen auf Schießübungen mitzubekommen und rechtzeitig in Deckung zu gehen.

Auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz in Sachsen witzelt man inzwischen schon: Die Wölfe würden die Schießzeiten besser kennen als mancher Soldat, sagte einst ein früherer Kommandeur. Für den Umgang mit Wölfen existieren keine gesonderten Regularien. «Grundsätzlich gibt es keine Probleme im "Zusammenleben" mit dem Wolf als Wildtier und dem Dienstbetrieb der Bundeswehr auf dem Übungsplatz», hieß es.

Nach allgemeiner Regel wird aber nicht mehr geschossen, wenn Tiere auf einer Schießbahn gesichtet werden. «Das heißt, der Schießbetrieb im scharfen Schuss auf der jeweiligen Schießbahn wird solange unterbrochen, bis das Wildtier nicht mehr gefährdet ist», teilte das Landeskommando Sachsen mit. Zudem sei es untersagt, Lebensmittelreste im Wald zu entsorgen, damit keine Tiere angelockt werden.

Der Deutsche Jagdverband bezweifelte einen Zusammenhang zwischen Jagd und dem Ausweichen der Wölfe. «Hauptfaktor für das Vorkommen des Wolfes ist die Nahrungsverfügbarkeit: Als effizienter Jäger will der Wolf mit möglichst wenig Aufwand größten Erfolg haben», erklärte Verbandssprecher Torsten Reinwald. Es gebe sogar Hinweise, dass Wölfe nach Bewegungsjagden gezielt nach Aufbruch suchen.

Rund 100 Jahre nach der letzten Beobachtung eines Wolfes in Sachsen war 1996 erstmals wieder ein solches Tier gesichtet worden - auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz im Landkreis Görlitz. Nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz gibt es in Deutschland nach jüngsten Daten 73 Wolfsrudel, 30 Wolfspaare und drei sesshafte Einzeltiere. Die meisten leben in Sachsen, Niedersachsen und Brandenburg.

Truppenübungsplätze können - nicht nur in Deutschland - generell wertvolle Refugien der Artenvielfalt sein, in denen Spezies gedeihen, die anderswo im Land kaum mehr zu finden sind. Die Flächen haben zum Teil riesige Ausdehnungen und werden kaum von Straßen zerschnitten, zudem sind sie oft über lange Zeiträume weitgehend menschenleer. Ein bekanntes Beispiel ist die riesige Salisbury Plain Training Area in Süd-England. In dem seit mehr als 100 Jahren existierenden Militärgebiet behaupten sich viele bedrohte Arten, die andernorts längst verschwunden sind.



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    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation