Wissenschaft
20.09.2018

Streit um Rechtschreib-Methode

Bonn/Dortmund (dpa) - In Deutschland ist ein Streit über die beste Rechtschreib-Lernmethoden entbrannt. Auslöser ist eine Studie, in der die klassische Fibel-Methode für Grundschüler deutlich besser abgeschnitten hat als Ansätze wie «Lesen durch Schreiben» und «Rechtschreibwerkstatt».

Die Frage sei nun, ob man Grundschulen noch gestatten könne, «ausschließlich oder vorwiegend» nach den zwei Verfahren zu unterrichten, die in der Untersuchung sehr schlecht abgeschnitten hatten. Das sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbands (DL), Hans-Peter Meidinger, der Deutschen Presse-Agentur. «Die Bonner Studie gibt klar Hinweise, dass Schreiben nach Gehör nicht zu der angestrebten Rechtschreibkompetenz der Schüler führt.»

In der Untersuchung hatten Bonner Psychologen ermittelt, dass Grundschüler Orthografie am besten nach der sogenannten Fibel-Methode lernen. Dabei werden Buchstaben und Wörter schrittweise und nach festen Vorgaben eingeführt, systematisch aufgebaut vom Einfachen zum Komplexen. Die untersuchten Lernerfolge von gut 3000 Grundschulkindern in Nordrhein-Westfalen waren deutlich höher als bei dem Ansatz «Lesen durch Schreiben» (LDS), mitunter auch als auch «Schreiben nach Gehör» bezeichnet. Die meisten Fehler ermittelte die Studie bei Kindern, die nach der eher seltenen «Rechtschreibwerkstatt» lernten.

Die Studie hat eine breite Debatte ausgelöst. Die Aussage, dass die «Fibel» zu einer besseren Rechtschreibung führe, ist dem Grundschulverband viel zu pauschal. «Eine solche Allgemeinaussage ist nach dem aktuellen Forschungsstand nicht möglich und höchst irreführend», kritisierte der Verband.

Medidinger vom DL hält dagegen: Es gebe keinen Grund zur Vermutung, dass die Studie unwissenschaftlich sei, die Ergebnisse sollten ernst genommen werden. «Lehrkräfte brauchen großen pädagogischen Freiraum bei der Wahl der Methoden. Die Grenze ist aber erreicht, wenn das Lernziel nicht geschafft wird.»

Udo Beckmann, Bundesvorsitzender der Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE), warf ihm wiederum vor, die Arbeit vieler Grundschullehrkräfte zu diskreditieren. Viele Lehrer arbeiteten erfolgreich mit einen Ansatz, der das LDS-Konzept mit einbaue. «Jede einzelne Schule sollte die Entscheidung treffen, auf welche Weise sie den Kindern in den ersten Schuljahren das Lesen und Schreiben vermittelt», forderte der VBE-Chef.

Wie häufig unterrichten Pädagogen nach der in die Kritik geratenen «Lesen-Durch-Schreiben»-Methode und der weniger häufigen «Rechtschreibwerkstatt»? Ein Blick in die Bundesländer - sie sind zuständig für Schulfragen - zeigt ein unterschiedliches Bild, unter dem Strich aber eher wenig Begeisterung für «Lesen durch Schreiben» und viel Zuspruch für die Fibel-Methode.

In NRW als bevölkerungsreichstem Bundesland gibt es derzeit keine zentral vorgeschriebene Methode. Aber: «Lesen durch Schreiben» soll demnächst noch in der ersten Klasse angewendet werden, wie Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) bereits 2017 angekündigt hatte. Rheinland-Pfalz setzt auf einen Methodenmix. Eine Umfrage 2017 habe ergeben, dass nur in 14 von 960 Grundschulen ausschließlich mit LDS gearbeitet werde.

Hamburg gehört zu den Ländern, die die LDS-Methode bereits für unzulässig erklärt haben. In Schleswig-Holstein darf seit Beginn dieses Schuljahres auch nicht mehr danach unterrichtet werden. Aus Berlin heißt es, LDS in «Reinform» gebe der Rahmenlehrplan nicht her. Baden-Württemberg hält ebenfalls nichts von LDS, spricht von einem «seit langem wissenschaftlich hoch umstrittenen» Ansatz. In Bayern kommt die Methode nicht zum Einsatz, ebenso wie im Saarland, jedenfalls nicht «in Reinform».

In Thüringen werden Grundschüler überwiegend nach der Fibel-Methode unterrichtet. Der aktuelle Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Erfurts Bildungsminister Helmut Holter (Linke), sagte, man werde nach den «wichtigen Hinweisen» der Bonner Studie über Schlussfolgerungen beraten. In Sachsen lernen Kinder vor allem mit der Fibel, die Grundschulen sind aber frei in ihrer Wahl. Sachsen-Anhalt legt die Entscheidung ebenfalls in die Hände der Lehrkräfte. In Mecklenburg-Vorpommern nutzen 86 Prozent die Fibel und nur zwei Prozent LDS. Brandenburg sagt, man habe aktuell keinen Überblick. Auch in Niedersachsen lägen keine landesweiten Erkenntnisse darüber vor, welche Schulen nach welchen Methoden arbeiteten. Das entschieden die Schulen selbst. Eine kritische Prüfung der eingesetzten Lernmethoden sei unabhängig von der Studie ohnehin vorgesehen.

Das früher lange gängige Fibel-Lernen war mancherorts vor allem vom «Lesen durch Schreiben» nahezu verdängt worden. Der LDS-Grundgedanke: Schüler sollen möglichst viel frei schreiben und das Lesen darüber mitlernen. Laut Bildungstrend des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) 2016 erreichen oder übertreffen nur 55 Prozent der Viertklässler orthografische Regelstandards.



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    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation