Wissenschaft
09.08.2012

Übermüdete Strandläufer balzen am besten

Von Sabine Dobel, dpa

Zwei männliche Graubruststrandläufer im Zweikampf. Foto: Wolfgang Forstmeier/Max-Planck-Institut für Ornithologie

München/Seewiesen (dpa) - Wenig Schlaf macht erfolgreich - jedenfalls die Graubruststrandläufer. Je weniger die Männchen in der Balzzeit schlafen, desto mehr Chancen haben sie bei den Weibchen und umso mehr Nachkommen zeugen sie.

Das berichten Forscher des Max-Planck-Instituts für Ornithologie im oberbayerischen Seewiesen in dem Fachjournal «Science». Die Tiere seien in der Lage, eine hohe Leistung zu erhalten, obwohl sie während einer dreiwöchigen Balzperiode den Schlaf extrem reduzierten. Dabei waren sie praktisch 95 Prozent der Zeit aktiv. Das sei überaus bemerkenswert, da die Vögel gerade von ihrem langen Zug aus den Überwinterungsgebieten auf der Südhalbkugel in den Brutgebieten in Alaska ankamen, schreiben die Forscher um den Ornithologen und Institutsdirektor Bart Kempenaers.

Mit dem Schlafverzicht erhöhten die Männchen ihre Chancen, auf empfängnisbereite Weibchen zu treffen - und konnten zugleich ihr Revier besser verteidigen. «Die Männchen müssen ständig Konkurrenten mittels Territoriumsverteidigung und Zweikämpfen abwehren und gleichzeitig Weibchen durch umfangreiches Balzgehabe überzeugen», sagte Studienleiter Kempenaers. Da im arktischen Sommer die Sonne nie ganz untergeht, seien die Männchen im Vorteil, die rund um die Uhr durchhielten. Die männlichen Strandläufer, die am wenigsten schliefen, konnten daher die meisten Nachkommen zeugen. Allerdings kümmern sich Strandläufer-Männchen auch nicht um ihre Brut.

Die Forscher überwachten die Tiere mit Hilfe von GPS und Sendern, die sie den Tieren auf den Rücken klebten. Die Vaterschaft der Nachkommen bestimmten die Wissenschaftler aus DNA-Proben aller Männchen, Weibchen und Jungtiere im Untersuchungsgebiet.

Im Extremfall schliefen die Männchen pro Tag im Schnitt nur 2,4 Stunden, die Langschläfer unter den Tieren brachten es hingegen auf 7,7 Stunden. Erstaunlicherweise waren die Kurzschläfer trotzdem leistungsfähig. Der Trick: Sie fielen vom aktiven Wachstadium übergangslos in tiefen Schlaf, sparten somit die Einschlafphase. Zudem schliefen sie sehr fest und traumlos - so glichen sie offenbar den Schlafmangel aus. «Männchen, die am wenigsten schliefen, hatten den tiefsten Schlaf», sagt Co-Autor Niels Rattenborg, der in Seewiesen Schlafforschung betreibt.

Der Schlafmangel hatte offenbar keine gesundheitlichen Folgen - möglicherweise sei sogar das Gegenteil der Fall. Erfolgreiche Männchen kehrten jedenfalls öfter ins Brutgebiet zurück als Männchen mit weniger Nachkommen und zeugten auch im zweiten Jahr viele Junge.

Ein Rezept für Schlafersparnis beim Menschen haben die Forscher bisher nicht gefunden. Da nicht alle Männchen gleich gut mit dem Schlafmangel klarkamen, gehen die Forscher von genetischen Voraussetzungen aus. Die vorherrschende Ansicht, dass Schlaf zur Regeneration des Gehirns dient, wollten die Wissenschafter auch nach der Studie vorerst nicht infrage stellen.



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