Wissenschaft
22.06.2012

Wissenschaftler: Zahl der Selbstmorde wird unterschätzt

London (dpa) - Die Zahl der Menschen, die sich selbst töten, wird nach Meinung von Wissenschaftlern weltweit deutlich unterschätzt. Bei weiblichen Jugendlichen sei dies inzwischen häufigste Todesursache, bei männlichen Jugendlichen stehe Selbstmord an dritter Stelle hinter Verkehrsunfällen und Gewaltverbrechen.

Das fanden Wissenschaftler aus mehreren Ländern heraus. Die britische Wissenschaftszeitschrift «The Lancet» veröffentlicht in ihrer aktuellen Ausgabe mehrere internationale Studien zum Thema Selbstverletzungen und -tötungen.

Offizielle Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO gehen davon aus, dass sich weltweit fast eine Millionen Menschen pro Jahr das Leben nehmen. Während die Zahl der Suizide in Deutschland seit den 1970er Jahren deutlich gesunken ist, stieg sie im weltweiten Durchschnitt nach Angaben der Forscher stark an. In einigen Ländern, darunter Brasilien, Singapur, Litauen und Irland, erhöhten sich die Selbstmordraten vor allem unter jungen Männern deutlich, fand eine Forschergruppe unter Leitung von Alexandra Pitman vom University College London heraus.

Einer zweiten Studie von Professor Keith Hawton und Kate Saunders vom Suizid-Forschungszentrum an der Universität Oxford zufolge liegen die offiziellen Schätzungen vor allem bei Jugendlichen noch weit unter der Wirklichkeit. In Weltregionen, wo Selbstmord als Verbrechen gewertet wird, würden viele Suizide verheimlicht, um die Angehörigen zu schützen. Zudem hätten sich zehn Prozent der Jugendlichen schon einmal absichtlich selbst verletzt.

In Indien sei Selbstmord gerade dabei, Todesursache Nummer eins bei Frauen zu werden. Die höchsten Selbstmordraten gibt es dort in der jungen, weiblichen und gebildeten Bevölkerungsgruppe. «Durch Suizid sterben fast genauso viele männliche Inder im Alter zwischen 15 und 29 Jahren wie bei Verkehrsunfällen und fast genauso viele junge Frauen wie durch Komplikationen in der Schwangerschaft und bei der Geburt», sagte Vikram Patel von der London School of Hygiene and Tropical Medicine.

Verwitwete oder geschiedene Inderinnen und Chinesinnen haben Patel zufolge eine vergleichsweise geringere Selbstmordrate als verheiratete. In vielen anderen Ländern wie etwa den USA sei dies umgekehrt. In jedem Fall sollte in Indien der Zugang zu Insektenvernichtungsmitteln erschwert werden, schlagen die Forscher um Patel vor.

Die Wissenschaftler bemängelten die geringe Datenlage über die Ursachen. So gebe es auch kaum ein wissenschaftliches Verständnis darüber, warum vergleichsweise viele junge Menschen zur Selbstverletzung neigen und wann die Grenze überschritten wird, die sie in den Selbstmord treibt.

Der Kampf gegen den Selbstmord ist schwierig. Die Verschreibung von Antidepressiva habe sich nicht immer als wirksam erwiesen, heißt es in der Studie von Hawton und Saunders, die sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Rory O'Connor von der Universität Stirling erstellt haben. Professor Paul Yip von der Universität Hongkong schlägt ebenfalls vor, den Zugang zu möglichen Suizid-Quellen zu erschweren, etwa mit Barrieren an Brücken. «Die meisten Leute glauben: Wer Selbstmord begehen will, der findet ein Mittel», sagte Yip. Die Forschung zeige aber, dass die Beschränkung des Zugangs, etwa auch zu Giften, die Selbstmordrate signifikant reduzieren könne.



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