Wissenschaft
16.05.2012

Gehirn schrumpft vorübergehend beim Ultramarathon

Interview: Christiane Löll

Hamburg/Ulm (dpa) - Von Süditalien bis ans Nordkap liefen Ultramarathonläufer knapp 4500 Kilometer in 64 Etappen. Medizinische Messungen währenddessen ergaben: Das Gehirn der Läufer schrumpft - aber nur vorübergehend. Die Studie wurde auf dem Deutschen Röntgenkongress vorgestellt.

Ein mobiles Kernspin-Gerät auf einem 40-Tonner-Sattelzug begleitete die Läufer des Transeuropa-Laufes von Süditalien bis zum Norkap. Sie legten dabei jeweils 64 Etappen von durchschnittlich knapp 70 Kilometer zurück. Mehr als 40 Extremsportler ließen vor, während und nach dem Lauf im Jahr 2009 medizinische Aufnahmen im Dienste der Forschung machen. Der Neurologe und Radiologe Wolfgang Freund von der Uniklinik Ulm plante die Studie und schaute sich die Gehirnbilder von 13 Läufern an. Das Hirn sei während des Laufes geschrumpft, acht Monate später habe es sich aber wieder erholt, sagte er im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa.

Welche Hypothesen haben Sie vor dem Lauf aufgestellt?

Freund: «Schmerzen spielen eine große Rolle, wenn es darum geht, solch einen Lauf durchzustehen. Daher dachten wir, dass sich die Gehirne der Läufer von denen anderer Menschen in Bereichen, wo Schmerzen verarbeitet werden, unterscheiden. Dies war aber nicht der Fall. Die zweite These war, dass es während des Laufes einen Sog durch den Kalorienverbrauch auf das Hirn geben muss. Der energiehungrige Körper macht vor dem Gehirn nicht Halt, und entzieht ihm Energiebausteine. Diese These hat sich bestätigt: Das Hirnvolumen ging bei den Läufern während des Laufes um sechs Prozent zurück. Die gute Nachricht ist aber: Acht Monate später war alles wieder beim Alten.»

Gab es Hirnregionen, die besonders betroffen waren?

Freund: «Ja, die Hirnmasse nahm insgesamt ab, aber auch verstärkt in einzelnen Regionen, und zwar im Schläfenlappen und im Hinterhaupthirn. Dies sind Gebiete, in denen komplexere akustische, sprachliche und optische Verarbeitung stattfindet. Dazu gehört beispielsweise, ob ein Gesicht erkannt wird, oder dass ein Mensch ausführlichen Gesprächen folgen kann. Wir haben auch nach Arealen gesucht, die sich dem Schrumpfungstrend widersetzt haben, sozusagen kleine gallische Dörfer. Dabei sind wir aber nicht fündig geworden.»

Wie erklären Sie sich das?

Freund: «Wir können nichts richtig beweisen, haben aber Erklärungen, die gut passen: Während solch eines Laufes geht es um Durchhalten und den Umgang mit Schmerzen, um ausreichend Essen und anschließend um Ausruhen und Schlafen. Tagsüber gab es mit der Straße ein graues Asphaltband, auf dem zu bleiben die größte Anforderung war. Anscheinend wurden bestimmte komplexe visuelle und andere Fähigkeiten nicht gebraucht, der Körper nahm sich von diesen nicht benötigten Hirnarealen die Energie und setzte sie an anderer Stelle ein. Aber wie gesagt: Die Mangelareale wurden wieder aufgefüllt. Überprüft haben wir auch, ob bei den Läufern bleibende Schäden wie nach einem kleinen Schlaganfall oder Hirnödeme durch die extreme Belastung auftreten. Diese Befürchtung gab es, wir konnten das aber nicht nachweisen. Vermutlich waren die Läufer einfach sehr gut vorbereitet.»



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