Thema des Tages
25.05.2019

Antisemitismusbeauftragter warnt Juden vor Tragen der Kippa

Berlin (dpa) - Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung rät Juden davon ab, sich überall in Deutschland mit der Kippa zu zeigen. «Ich kann Juden nicht empfehlen, jederzeit überall in Deutschland die Kippa zu tragen.

Das muss ich leider so sagen», sagte Felix Klein den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Der Publizist Michel Friedman kritisierte die Äußerung am Samstag scharf, auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) widersprach.

Die Kippa, eine kleine kreisförmige Mütze, wird von jüdischen Männern als sichtbares Zeichen ihres Glaubens traditionell den ganzen Tag lang getragen. Das Tragen einer Kopfbedeckung ist nach Angaben des Zentralrats der Juden verpflichtender religiöser Brauch, Basecap oder Hut gehen auch.

Bundesinnenminister Horst Seehofer mahnte zu hoher Wachsamkeit und einem entschlossenen Handeln der Sicherheitsbehörden. «Es wäre nicht hinnehmbar, wenn Juden ihren Glauben in Deutschland verstecken müssten. Der Staat hat zu gewährleisten, dass die freie Religionsausübung ohne Einschränkungen möglich ist», erklärte der CSU-Politiker. «Angesichts der Entwicklung antisemitischer Straftaten müssen wir besorgt und wachsam sein.»

2018 war die Zahl antisemitischer Straftaten bundesweit stark angestiegen. Der jüngste Jahresbericht zur politisch motivierten Kriminalität wies 1799 Fälle aus, 19,6 Prozent mehr als 2017.

Der Antisemitismusbeauftragte Klein forderte gleichzeitig auch Schulungen für Polizisten und andere Beamte im Umgang mit Antisemitismus. Es gibt deswegen viel Unsicherheit. Das Thema gehöre auch in die Ausbildung der Lehrer und Juristen.

Der Zentralrat der Juden warnt immer wieder vor wachsendem Antisemitismus und hat auch vom Tragen der Kippa in Teilen von Großstädten abgeraten. So sagte Zentralratspräsident Josef Schuster im Juli 2017 der «Bild am Sonntag: «In einigen Bezirken der Großstädte würde ich empfehlen, sich nicht als Jude zu erkennen zu geben.» Die Erfahrung habe gezeigt, dass das offene Tragen einer Kippa oder einer Halskette mit Davidstern verbale oder körperliche Bedrohungen zur Folge haben könne.

Der Publizist Michel Friedman bezeichnete die Äußerungen Kleins als «Offenbarungseid des Staates». Friedman verwies auf Artikel 4 des Grundgesetzes, der unter anderem die Religionsfreiheit garantiert. «Anscheinend versagt der Staat, dies allen jüdischen Bürgern im Alltag zu ermöglichen», sagte der 63-Jährige der Deutschen Presse-Agentur.

Friedman kritisierte: «Wenn ein Beauftragter der Bundesregierung offiziell der jüdischen Gemeinschaft mitteilt, «ihr seid nicht überall in Deutschland vor Judenhass und Gewalt sicher», dann ist das ein Armutszeugnis für den Rechtsstaat und die politische Realität in Deutschland.» Der Staat müsse gewährleisten, dass Juden sich überall angstfrei zu erkennen geben können, sagte der frühere Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland.

«Ich empfehle allen, diese Aussagen sehr ernst zu nehmen», sagte Friedman zu dem Interview von Klein. «Dort, wo Juden nicht sicher und frei leben können, werden es bald auch andere nicht mehr können.» Er forderte Herrn Klein und die Bundesregierung konkret auf, der Öffentlichkeit mitzuteilen, an welchen Orten Juden nicht sorgenfrei leben könnten.

Bayerns Innenminister Herrmann ermutigte dazu, eine Kippa zu tragen. «Jeder kann und soll seine Kippa tragen, egal wo und egal wann er möchte», erklärte Herrmann am Samstag. Die Kippa zu tragen sei Teil der Religionsfreiheit. «Wenn wir vor dem Judenhass einknicken, überlassen wir rechtem Gedankengut das Feld», sagte der CSU-Politiker.

Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) zeigte sich besorgt: «Die immer häufigeren Gewalttaten gegen Jüdinnen und Juden sind beschämend für unser Land», sagte sie dem «Handelsblatt». «Rechte Bewegungen greifen unsere Demokratie an und zielen auf unser friedliches Zusammenleben.» Polizei und Justiz seien jedoch wachsam. Wachsam müsse aber auch die gesamte Gesellschaft sein. «Jüdisches Leben müssen wir mit allen Mitteln unseres Rechtsstaats schützen und Täter unmittelbar zur Verantwortung ziehen.»

Mehrere antisemitische Vorfälle hatten zuletzt bundesweite Aufmerksamkeit bekommen. So war im August in Chemnitz ein jüdisches Restaurant mit Flaschen und Steinen angegriffen worden. In Berlin attackierte im April 2017 ein Syrer einen Kippa tragenden Israeli. Der nicht jüdische Israeli filmte dies und stellte die Aufnahme ins Netz. Der Angreifer wurde zu vier Wochen Arrest verurteilt. In Bonn war im vergangenen Jahr ein israelischer Professor, der eine Kippa trug, von einem jungen Deutschen mit palästinensischen Wurzeln attackiert worden.



Thema des Tages

Macron macht bei Treffen mit Putin Druck in Ukraine-Krise

Brégançon (dpa) - Frankreichs Staatspräsident Emmanuel hat in der Ukraine-Krise Druck auf seinen russischen Amtskollegen Wladimir Putin ausgeübt. »weiter
Lesen Sie auch:
  • Kramp-Karrenbauer will Einsatz gegen IS fortsetzen
  • Vor 30 Jahren: Historische Flucht von DDR-Bürgern aus Ungarn
  • Deutschland holt erstmals IS-Kinder aus Syrien zurück
  • Computer

    Games-Branche feiert «Opening Night Live»

    Köln (dpa) - Mit einem Abend voller Spiele-Neuheiten und rund 1500 Fans hat die Gamescom in Köln am Montagabend auf der «Opening Night Live» ihren Auftakt gefeiert. »weiter
    Lesen Sie auch:
  • Neue App lässt Berliner Mauer in Augmented Reality erleben
  • Huawei bekommt weitere drei Monate Aufschub bei US-Blockade
  • E-Sport mit kräftigem Umsatzzuwachs in Deutschland


  • Wissenschaft

    Amselsterben vermutlich noch schlimmer als 2018

    Berlin/Hamburg (dpa) - Das tropische Usutu-Virus wird Experten zufolge in diesem Jahr vermutlich zu einem noch stärkeren Amselsterben in Deutschland führen als im vergangenen Jahr. Es sei deutlich feuchter und mückenreicher als im Vorjahr. »weiter
    Lesen Sie auch:
  • Wie Raucher und Trinker von Äpfeln und Tee profitieren
  • Island erklärt offiziell ersten Gletscher für «tot»
  • Handel mit Wildtieren: Eine Lösung für deren Schutz?
  • Börse
    DAX
    Chart
    DAX 11.687,00 +1,07%
    TecDAX 2.745,75 +1,57%
    EUR/USD 1,1087 +0,06%

    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation