Thema des Tages
18.04.2019

«Schrei aus Stille» - Madeira nach Bustragödie unter Schock

Von Carola Frentzen und Alexander Sturm, dpa

Funchal (dpa) - Es sollte ein fröhlich-beschwingter Ausflug nach Funchal werden, der Hauptstadt der malerischen «Blumeninsel» Madeira. In einem Restaurant erwartete die Urlauber ein typisch madeirisches Dinner mit kulinarischen Spezialitäten der Region.

Vom schmucken Hotel Quinta Splendida im Örtchen Caniço brach die Gruppe am frühen Abend mit einem Reisebus in das wenige Kilometer entfernte Lokal auf. Aber schon kurze Zeit später endete die Fahrt in einer Tragödie: In einer abfallenden Linkskurve kam das voll besetzte Fahrzeug plötzlich von der Straße ab, durchbrach ein Geländer, überschlug sich und stürzte etwa acht Meter in die Tiefe.

Die furchtbare Bilanz: 29 Menschen - davon vermutlich die meisten aus Deutschland - verlieren kurz vor Ostern ihr Leben. Fast genauso viele sind verletzt, einige sehr schwer. Die Touristen hätten die Reise bei einem deutschen Reiseveranstalter gebucht, es habe sich aber nicht um eine feste Gruppe gehandelt, sondern um Urlauber aus ganz Deutschland, sagte eine Mitarbeiterin des Hotels.

Madeira ist noch ruhig in diesen Tagen, es ist Vorsaison. Aber es grünt und blüht bereits an allen Ecken - nicht umsonst begeistern sich vor allem Botanik-Fans für das farbenprächtige Kleinod. Wegen des subtropischen Klimas herrschen das ganze Jahr über angenehme Temperaturen, die kältegeplagte Deutsche in Richtung des milden Wanderparadieses ziehen lassen.

Neben der Algarve gilt Madeira als die beliebteste Urlaubsregion Portugals. Schon Kaiserin Elisabeth von Österreich, besser bekannt als Sissi, wusste die klimatischen Vorzüge zu schätzen und weilte hier 1860 zur Lungen-Kur.

Zwei Tage vor Karfreitag aber gibt es auf Madeira Regenschauer, viel Wind und Temperaturen unter 20 Grad. An diesem typischen Apriltag schlägt für mehr als fünf Dutzend Urlauber das Schicksal zu. Ihr Bus kommt nach der Katastrophe erst in dem Moment auf der Seite liegend zum Stillstand, als er auf das rote Ziegeldach eines Wohnhauses prallt, das zu dieser Zeit glücklicherweise unbewohnt ist. 28 Menschen sterben, 28 weitere sind verletzt. Eine Frau erliegt kurze Zeit später ihren Verletzungen. Der Fahrer und der Reiseleiter - beide aus Portugal - überleben, müssen aber ebenfalls im Krankenhaus behandelt werden.

Augenzeugen des Unfalls stehen minutenlang wie betäubt über der Böschung. Es sei eine «ohrenbetäubende Stille» eingetreten, «ein Schrei aus Stille, wie in einem Schockzustand», sagte Rita Castro, die das Geschehen nach eigenen Angaben aus der Nähe beobachtet hatte, im portugiesischen Fernsehen. Der Fahrer habe zuvor mit allen Mitteln versucht, den Unfall noch zu verhindern und den Reisebus zum Stehen zu bringen, was ihm aber nicht gelungen sei.

Eine andere Augenzeugin erzählt der Deutschen Presse-Agentur, der Bus sei «relativ langsam» unterwegs gewesen, dann habe es einen lauten Knall gegeben. «Innerhalb von zehn Minuten waren Krankenwagen vor Ort», sagt die Frau und fügt tief betroffen hinzu: «Man kann nichts tun, man kann nur weinen».

Mit Dutzenden Einsatzwagen rücken sie an. Die Unglücksstelle wird weiträumig abgeriegelt. Verletzte werden geborgen und in Sicherheit gebracht, die Toten mit Tüchern bedeckt. «Es wurden sofort Menschen auf der Insel gesucht, die Deutsch sprechen. Obwohl die Ärzte und Schwestern sich rührend um die Verletzten bemühen und kümmern, ist es aber immer wichtig, doch die Muttersprache zu hören und ein paar Worte der Aufmerksamkeit zu bekommen», sagte Ilse Everlien Berardo, Pfarrerin der Deutschsprachigen Evangelischen Kirche auf Madeira, in der RTL-Sendung «Guten Morgen Deutschland» am Donnerstag.

«Eine verletzte Dame sagte, ich glaube, ich habe meinen Lebenspartner verloren. Auch sie ist natürlich in einem Schockzustand», betonte Berardo, die sich voll des Lobes für die Sensibilität der Einsatzkräfte zeigte.

Caniço am Tag danach. Polizisten sichern Spuren am Unfallort. Sie sammeln und suchen Ausweise der Passagiere. Denn noch immer ist nicht klar, ob es sich bei allen Opfern um Deutsche handelt. Andere Sicherheitskräfte kehren Scherben zusammen oder versuchen eine mitgerissene Stromleitung wieder aufzurichten. Menschen stehen in der Nähe, viele haben Tränen in den Augen.

Der Unglücksbus ist nicht mehr zu sehen, er wurde bereits geborgen. Zurück bleibt das eingestürzte Dach des getroffenen Wohnhauses. An einer Wand unter dem klaffenden Loch ist ein Kreuz zu erkennen. Der Bewohner war zum Unfallzeitpunkt bei Verwandten - ein Glücksfall für den Mann, den einzigen, der die Tragödie unversehrt überlebt hat.



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    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation