Computer und Co.
11.03.2019

5G-Aussichten: Ferngesteuerte Lastwagen per Funk

Von Andrej Sokolow, dpa

Berlin/Barcelona (dpa) - Es wirkt wie der perfekte Aufbau für ein Rennspiel: Lenkrad, Pedale, eine Wand aus sechs Monitoren zeigt die Fahrbahn. Gemessen daran fehlt es der Aufgabe etwas an Action - man muss bei Schrittgeschwindigkeit an einem Stoppschild halten und auf einem Testgelände die Spur halten.

Doch für den Nervenkitzel sorgt etwas anderes: Es ist ein echter Lastwagen, der hier in Echtzeit gesteuert wird. Der Fahrer sitzt in Barcelona, das Fahrzeug ist rund 2000 Kilometer entfernt bei Göteborg in Schweden unterwegs.

Der Lastwagen der Firma Einride, den man dabei lenkt, ist eine Klasse für sich. In dem Fahrzeug ist gar kein Platz für einen Menschen vorgesehen. Seine bullige Front ist eine betongraue Fläche ohne Frontscheibe oder Kühlergrill. Ob man sich schnell an diesen Anblick im Rückspiegel gewöhnen kann? Die futuristischen T-Pod-Lastwagen sollen eigentlich autonom fahren. Aber in schwierigen Situationen - das könnte anfangs zum Beispiel ein Baustellen-Bereich sein - soll ein Mensch die Kontrolle per Fernsteuerung übernehmen können. Hier kommt 5G mit seinen extrem kurzen Datenlaufzeiten - der sogenannten Latenz - ins Spiel. Damit können Steuerbefehle praktisch ohne Verzögerung an das Fahrzeug übertragen werden.

Von den Vorzügen der neuen Netze schwärmen Ausrüster und Netzbetreiber schon seit Jahren, diesmal gab es beim Mobile World Congress so viel 5G «zum Anfassen» wie noch nie. Wenige Meter von der Lastwagen-Demo am Stand des Netzwerk-Ausrüsters Ericsson spielt eine Band. Genauer gesagt, die Hälfte der Band, der Bassist und der Schlagzeuger. Der Gitarrist und der singende Keyboarder musizieren in einer anderen Halle am Stand des Netzbetreibers Vodafone, die Verbindung läuft über ein 5G-Netz. Die geringe Latenz macht es möglich, dass sie einen Song gemeinsam spielen können als wären sie an einem Ort.

Und vor hunderten Zuschauern gibt ein Chirurg von der Bühne aus Ratschläge für Kollegen im Operationssaal und zeichnet unter anderem auf Bildern zum Beispiel die Nervenstränge ein, die sie auf keinen Fall durchtrennen dürfen. Telechirurgie gilt als ein wichtiger 5G-Anwendungsfall für die Zukunft. In China soll bereits im Januar ein Chirurg mit Hilfe ferngesteuerter Roboterarme aus rund 50 Kilometern Entfernung die Leber bei einem Versuchstier entfernt haben.

Bis solche Operationen im Alltag angekommen, wird es noch dauern - eine in Barcelona gezeigte Lösung für Krankenwagen hingegen könnte früher eingesetzt werden. Die Idee ist, eine Ultraschall-Untersuchung bei Bedarf schon auf dem Weg ins Krankenhaus durchzuführen. Dabei werden die Bilder nicht nur in Echtzeit per 5G übertragen, sondern der Arzt kann auch mit Hilfe eines haptischen Handschuhs die Hand des Sanitäters, der das Ultraschall-Gerät hält, an bestimmte Stellen lenken.

«5G wurde ursprünglich für die Industrie konzipiert, deshalb waren geringe Latenzzeiten und die hohe Bandbreite die Grundvorgaben», sagt Ericsson-Manager Fredrik Jejdling. Doch auch den Verbrauchern will die Industrie die Vorzüge der superschnellen Netze schmackhaft machen. So zeigt der Chipkonzern Qualcomm, wie man mit 5G auf einem Smartphone fernsehen kann. Neben der großen Anzeige eines Kanals laufen am unteren Bildschirmrand mehrere weitere Sender weiter, zwischen denen gewechselt werden kann.

Selbst das Geschäft mit virtueller Realität soll 5G revolutionieren. Heute muss die intensive Rechenarbeit für das Eintauchen in digitale Welten lokal erledigt werden - entweder in der Brille selbst oder einem angeschlossenen Computer. Mit der stabilen schnellen Cloud-Verbindung könnten stattdessen aber Server im Netz dafür einspringen. Die Geräte auf dem Kopf würde man damit entsprechend leichter und tragbarer gestalten. In Barcelona demonstrierte unter anderem Qualcomm, dass diese Übertragung per Funk tatsächlich funktionieren kann. Ein interessanter Nebenaspekt wäre, dass sich damit mehr Wertschöpfung von den VR-Spezialisten zum zu den Netzbetreibern verlagert. Das kann eine gute Nachricht für die Telekommunikations-Konzerne sein, die viele Milliarden in den 5G-Netzausbau stecken müssen.

Denn die 5G-Wunder haben ihren Preis. Die Faustregel sei, dass man drei Mal mehr Basisstationen brauche, jede drei Mal mehr koste als eine für die bisherigen Standards - und obendrein auch noch drei Mal mehr Strom verbrauche, sagt ein Branchenexperte in Barcelona. Ericsson-Manager Jejdling will das so nicht gelten lassen - diese Rechnung lasse unter anderem außer acht, dass 5G auf bisherigen Netzen aufbaue. «Die Kosten pro übermittelten Megabyte sind bei 5G niedriger als bei 4G.» Der höhere Stromverbrauch sei der Physik geschuldet: «5G ist genauso effizient wie 4G, aber wenn man mehr Spektrum hat, braucht man auch mehr Energie, um es hochzupowern.»



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    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation