Thema des Tages
11.10.2018

Rückschlag für Russlands Raumfahrt: Flug zur ISS gescheitert

Von Friedemann Kohler und Christian Thiele, dpa

Baikonur (dpa) - Zwei Raumfahrer haben den ersten Fehlstart einer russischen Sojus-Rakete seit Jahrzehnten dank einer Notlandung überlebt.

Retter bargen den russischen Kosmonauten Alexej Owtschinin und seinen US-Kollegen Nick Hague am Donnerstag aus ihrer Kapsel, die an Fallschirmen nahe der Stadt Dscheskasgan im Zentrum Kasachstans niedergegangen war. Nasa-Chef Jim Bridenstine schrieb auf Twitter, beide seien in einem guten Zustand. Die Trägerrakete hatte sich 119 Sekunden nach dem Start vom Weltraumbahnhof Baikonur wegen technischer Probleme abgeschaltet und aufgelöst.

Auf der Internationalen Raumstation ISS bleiben Kommandant Alexander Gerst aus Deutschland und seine Kollegen nun zunächst ohne neue Kollegen. Gerst zeigte sich erleichtert, dass der Fehlstart für die Besatzung vergleichsweise glimpflich ausging. «Schön, dass es unseren Freunden gut geht», schrieb er einige Stunden nach dem Vorfall auf Twitter. «Raumfahrt ist schwer», ergänzte er. Die Mühen seien aber wichtig für das Wohl der Menschheit.

Über eine mögliche Verlängerung von Gersts Aufenthalt wegen des Unfalls sei noch nicht entschieden, sagte Europas Raumfahrtchef Jan Wörner der Deutschen Presse-Agentur. «Dafür ist es jetzt zu früh, es hängt ganz wesentlich davon ab, wie schnell man die Ursache findet und für die Zukunft ausschließen kann.» Gersts Mission läuft bis Dezember. Falls er länger im All bleiben müsse, wäre dafür alles vorhanden, sagte Wörner, der Europas Raumfahrtbehörde Esa leitet.

Russische Raumfahrtexperten zeigten sich nach dem Vorfall zuversichtlich, dass der nächste Start zur ISS im Dezember stattfinden könne. Eine Rückkehr der jetzigen Crew zur Erde kann nicht ewig hinausgezögert werden, weil Sojus-Kapseln aus Sicherheitsgründen, vor allem wegen des Treibstoffs, nur rund sechs Monate an der ISS angedockt bleiben sollen. Gerst ist seit Anfang Juni im All.

«Alexander Gerst wird sicherlich noch einmal drei Monate länger da oben bleiben», sagte der frühere Astronaut Ulrich Walter der Deutschen Presse-Agentur in München. Der Professor für Raumfahrttechnik rechnet damit, dass Gerst und die zwei weiteren Besatzungsmitglieder erst Anfang 2019 zurückkehren können.

Für die russische Raumfahrt ist der Unfall ein schwerer Rückschlag. Er kommt auch zu einer Zeit, in der das sonst gute Verhältnis zu den US-Kollegen gespannt ist. Der neue Nasa-Chef Jim Bridenstine verfolgte den Start von Baikonur aus und vereinbarte mit den Russen eine Fortsetzung der Zusammenarbeit. Die USA hatten ihr Space-Shuttle-Programm im Jahr 2011 eingestellt. US-Astronauten können seither nur noch mit der Sojus zur ISS gelangen.

Bemannte Sojus-Starts wurden nach dem Fehlschlag ausgesetzt. «In einer solchen Situation gibt es vorerst keine weiteren Starts, bis die Ursache endgültig geklärt worden ist», sagte der für Raumfahrt zuständige Vizeregierungschef Juri Borissow. Zur Ursachenforschung wurde eine Kommission eingerichtet. «Andererseits hat sich gezeigt, dass die Notfall- und Rettungssysteme funktionieren, und das ist sehr wichtig», sagte Borissow der Agentur Interfax zufolge.

Die Sojus-Trägerrakete, eigentlich das bewährte Arbeitspferd der russischen Weltraumfahrt, hatte um 14.40 Uhr Ortszeit (10.40 Uhr MESZ) in Baikonur abgehoben. Nach vorläufigen Angaben von Experten traten schon beim Brennen der ersten Raketenstufe Probleme auf. Die Nasa sprach von einer «Anomalie» an der Stufe. Deswegen zündete die zweite Stufe nicht, sondern die Rakete löste sich auf.

Die Kapsel «Sojus-MS10» mit Owtschinin und Hague ging in eine flachere Flugbahn über. Es folgten bange Minuten bis zur Notlandung etwa 400 Kilometer vom Startpunkt entfernt. «Die Besatzung ist gelandet. Alle leben», gab schließlich Dmitri Rogosin, Leiter der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos, auf Twitter Entwarnung. Owtschinin und Hague wurden nach Baikonur geflogen. Sie sollten bis Freitagmorgen im Krankenhaus bleiben.

Die Suche nach den Raketenteilen dauerte indes an. Laut russischen Behörden richteten sie aber keine Schäden an Gebäuden an. Ein ähnlicher Unfall beim Start hatte sich zuletzt 1975 ereignet.

Über Gersts zweitem Raumflug und seiner Zeit als erstem deutschen Kommandanten der ISS scheint damit kein guter Stern zu stehen. An der Raumkapsel «Sojus-MS09», mit der er zur ISS kam, war kürzlich ein kleines Loch entdeckt worden. Zwar konnte das Leck geschlossen werden, doch die Ursache ist ungeklärt. Russische Experten verstiegen sich sogar zu der These, US-Astronauten hätten im Kosmos die Wand angebohrt.

Über das Frühjahr 2019 hinaus gibt es derzeit noch keine Verträge zwischen Roskosmos und den USA über Flüge von US-Astronauten zur ISS. Bridenstine sagte aber, er habe mit Rogosin eine fortgesetzte Kooperation auf der ISS vereinbart. Auch wollten beide Seiten gemeinsam nach Leben im All suchen und bei einer künftigen Mondstation kooperieren.

Auf der ISS arbeiten neben Gerst derzeit noch der Russe Sergej Prokopjew und die Amerikanerin Serena Aunon-Chancellor. Erst am vergangenen Donnerstag war eine russische Sojus-Kapsel von der ISS zur Erde zurückgekehrt. Die Kapsel mit den drei Raumfahrern Oleg Artemjew, Drew Feustel und Ricky Arnold hatte sicher in der Steppe von Kasachstan aufgesetzt.

Zuverlässiger als mit dem russischen Sojus-System können Menschen derzeit nicht ins All reisen - allein schon mangels Alternativen. Weder China noch die USA betreiben aktuell bemannte Raumflüge. Die USA hatten 2011 ihr Shuttle-Programm eingestellt.

Jedes Sojus-Raumschiff wird neu gebaut, immer wieder wird dabei etwas modernisiert und verbessert. Die Geschichte der bemannten Sojus-Raumkapseln reicht mehr als 50 Jahre zurück, die der dazugehörigen Trägerrakete sogar bis in die 1950er Jahre.

Gleich die erste Landung einer Kapsel auf der Erde endete 1967 in einem Debakel: Der Kosmonaut Wladimir Komarow wurde zum ersten Menschen, der bei einer Weltraummission starb - weil sich der Fallschirm der Kapsel nicht wie geplant öffnete. Die Wucht des Aufpralls zerschmetterte die sowjetische «Sojus 1».

Bei einem weiteren Unfall erstickten 1971 drei Kosmonauten, als beim Rückflug der Druckausgleich versagte. Es blieben die letzten tödlichen Missionen. Seither gilt die Sojus trotz einiger Pannen als zuverlässiges Arbeitspferd der bemannten Raumfahrt.

Die Technik wurde kontinuierlich weiterentwickelt und ist nach Aussage des deutschen Astronauten Alexander Gerst «überhaupt nicht veraltet». Der Moskauer Raumfahrtexperte Igor Marinin argumentiert: Eine Parallele des heutigen Typs Sojus-MS zum ersten Modell 7K-OK vom Unglücksflug 1967 zu ziehen, sei wie ein Vergleich von modernen Autos mit Fahrzeugen von vor 100 Jahren.



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    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation