Thema des Tages
16.08.2018

Eine Stimme für Jahrzehnte: Aretha Franklin ist tot

Von Johannes Schmitt-Tegge, dpa

Detroit (dpa) - Wie viele Menschen müssen in diesen Takten Kraft getankt haben: Steil ansetzende Bläser, dazu ein heiter verzerrtes Gitarrenriff und dann eine Aretha Franklin, die mit all ihrem Soul ins Mikrofon schmettert: «What you want / Baby, I got it / What you need / Do you know I got it / All I'm askin' / Is for a little respect». Was sollte man darauf noch antworten?

Die Wucht, mit der Franklin ihren Gospel-geladenen Gesang in Studios und auf Bühnen niedergehen ließ, konnte erschüttern. Schwarze Bürgerrechtler, unterdrückte Frauen, Vietnamkriegsgegner - die sozialen Bewegungen der 1960er und 70er Jahre in den USA erkannten die Wirkung von Franklins gewaltigem Gesang und vereinnahmten ihn für sich. «Lady Soul» lieferte den Soundtrack ihrer Zeit.

Am Donnerstag ist Aretha Franklin im Alter von 76 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben. Die Recording Academy, die die Musikpreise Grammys verleiht, würdigte sie als eine «unvergleichliche Künstlerin» mit einer der «tiefgreifendsten Stimmen» der Musikbranche.

Einen Grammy nach dem anderen sackte Franklin ein, während sie mit Titeln wie «Respect», «Chain Of Fools» und «I Say a Little Prayer» immer größere Gefolgschaft fand (18 Grammys wurden es insgesamt, 17 davon gewann sie für ihre Auftritte). Diese Titel haben längst ein Eigenleben entwickelt und gehören in Playlisten bei Protestmärschen, Werbeagenturen, Karaoke-Bars und Best-of-Abenden. Dass Franklin diese Hits oft nicht selbst schrieb, sondern sie einfach unfassbar bewegend einsang, interessierte dabei die wenigsten.

So war es bei der Ballade «(You Make Me Feel Like) A Natural Woman» von Songschreiberin Carole King. Franklin brachte mit dem Titel an Weihnachten 2015 im Kennedy Center sogar den damaligen US-Präsidenten Barack Obama zum Weinen. 2009 hatte sie schon vor mehr als einer Million Menschen bei seiner Amtseinführung gesungen. Auch Carole King war völlig fassungslos, als die Diva im Pelzmantel am Flügel des Kennedy Center in Washington Platz genommen hatte. Franklins eindringliches Klavierspiel wurde wegen ihrer voluminösen Stimme oft unterschätzt oder kaum wahrgenommen.

Als Franklin 1967 Otis Reddings «Respect» einsang, setzte sie sich damit nicht nur für acht Wochen auf den ersten Platz der R&B-Charts, sondern an die Spitze der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Für viele wurde Franklin ein Symbol für ein politisch turbulentes Jahrzehnt und für ein schwarzes, selbstbewusstes Amerika. «Dieses Mädchen hat diesen Song von mir gestohlen», sagte Redding in einem 2001 ausgestrahlten TV-Beitrag über «Respect». An den Millionenverkäufen der Single verdiente er allerdings ordentlich mit.

Franklin wurde in Memphis im Südstaat Tennessee geboren und wuchs in der Autometropole Detroit in Michigan auf. Mit ihren Schwestern Carolyn und Erma, die beide ebenfalls Musiker-Karrieren einschlugen, sang sie in den 1950er Jahren in der Kirche ihres Vaters. Der Pastor war selbst erfolgreicher Gospelsänger - der Ruhm seiner Tochter mit den Pausbäckchen sollte seinen aber weit überstrahlen.

Schon mit 14 Jahren nahm Aretha Franklin ihre erste Gospelplatte auf. Bald zeigte das Label Motown Interesse, das später Stevie Wonder, Marvin Gaye und die Jackson Five mit Jungstar Michael Jackson unter Vertrag nehmen sollte. Aber Motown war damals ein kleines Startup, und vom weltweit aus New York tätigen Label Columbia erhofften sich Vater und Tochter einen größeren Sprung nach vorn. In New York gewöhnte Franklin sich dann auch daran, in Jazz-Clubs aufzutreten, darunter auch im damals elitären Village Vanguard.

Es war aber erst der Wechsel zum Label Atlantic, der den Soul wirklich aus der Afroamerikanerin herauskitzelte. Bei Columbia hatte sie nur kleinere Erfolge gelandet und etwas ziellos versucht, als Rundum-Entertainerin in die Welt des Pop vorzustoßen. Bei Atlantic gelang es Produzent Jerry Wexler, mit ihrer ersten Single «I Never Loved a Man (The Way I Love You)» genau die Mischung zu zaubern, die Franklin-Fans international über Jahrzehnte begeistern sollte: eine leidenschaftliche, helle Stimme vor dunkleren, souligen R&B-Arrangements mit Background-Sängern.

Diese Hochphase bleibt aus Franklins Zeit am meisten hängen. Sie trat zur Unterstützung des schwarzen Baptistenpredigers Martin Luther King auf, einem Freund der Familie, und war aus dem Soul nicht mehr wegzudenken. Auch Titel wie «Spanish Harlem», «Bridge Over Troubled Water» und «Day Dreaming» bleiben in Erinnerung. Mitte der 1970er Jahre verlor das Soulgenre etwas an Dampf, und Franklin orientierte sich um.

Die späteren Jahre von Franklins Karriere zierten Glanzmomente wie das Duett mit George Michael, wirkten aber auch etwas sprunghaft. Franklin kehrte zum Gospel zurück, sang Stücke der Beatles, von Simon & Garfunkel und Sam Cooke ein, nahm Musik für Filmsoundtracks auf und produzierte ein Weihnachtsalbum. Beizeiten schien es, als habe sie mit dem langsam ausklingenden Soul ihr musikalisches Zuhause verloren.

Vielleicht gezwungenermaßen wurde die Diva zu einer Art Meta-Diva, als sie auf einem Album von 2014 die Hits von Gladys Knight und Barbra Streisand einsang, aber auch von der britischen Popsängerin Adele und Prince. Die «Rock and Roll Hall of Fame», die sie 1987 als erste Frau überhaupt aufgenommen hatte, fand die passenden Worte: Franklin «nahm viele Rollen an - die fromme Gospelsängerin, die sinnliche R&B-Sirene, das Pop-Crossover-Phänomen, Lady Soul - und beherrschte sie alle.» Der frühere US-Präsident Bill Clinton sagte: «Mehr als 50 Jahre lang hat sie unsere Seelen berührt.»



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    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation