Thema des Tages
24.06.2018

Erdogan erklärt sich vor Auszählungsende zum Wahlsieger

Istanbul (dpa) - Trotz Manipulationsvorwürfen der Opposition hat sich der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan noch vor dem Ende der Auszählung zum Sieger der Präsidentenwahl erklärt.

«Die inoffiziellen Ergebnisse stehen fest», sagte Erdogan am Sonntagabend in Istanbul. «Demnach hat unser Volk meiner Person den Auftrag der Präsidentschaft und der Regierung gegeben.» Bei der Parlamentswahl hätten die Wähler außerdem dem von seiner AKP geführten Parteienbündnis die absolute Mehrheit im Parlament verschafft.

Mit den Wahlen wurde die Einführung des von Erdogan angestrebten Präsidialsystems abgeschlossen. Der neue Präsident wird Staats- und Regierungschef und mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet. Einen Ministerpräsidenten gibt es künftig nicht mehr.

Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete, nach Auszählung von fast 98 Prozent der Stimmen bei der Präsidentenwahl komme Erdogan auf 52,53 Prozent. Damit hätte er die Präsidentschaftswahl bereits in der ersten Runde gewonnen. Der Kandidat der größten Oppositionspartei CHP, Muharrem Inc, kam demnach mit 30,76 Prozent auf Platz zwei. Auch die «Plattform für faire Wahlen» aus Wahlbeobachtern der Opposition sah Erdogan nach Auszählung von mehr als 96 Prozent der Stimmen bei 52,56 Prozent. Ince kam dort auf 31,34 Prozent.

CHP-Sprecher Bülent Tezcan zeigte sich dennoch zuversichtlich, dass Erdogan die absolute Mehrheit noch verfehlen würde und in eine Stichwahl gegen Ince müsse. «Niemand soll sich zu früh freuen, niemand soll zu früh feiern», sagte er am Sonntagabend. «Die Wahlen werden in die zweite Runde gehen.» Vereinzelt kam es am Sonntagabend zu Protesten von Anhängern der Opposition.

Bei der Parlamentswahl kommt das von Erdogans AKP geführte Parteienbündnis nach Anadolu-Angaben auf deutlich mehr als 340 der 600 Sitze. Anadolu zufolge lag die Wahlbeteiligung in der Türkei bei gut 87 Prozent. Wahlbeobachter meldeten Unregelmäßigkeiten bei der Abstimmung am Sonntag. Erdogan sprach dagegen von einem «Fest der Demokratie». Knapp 60 Millionen Türken waren zur Wahl aufgerufen, mehr als drei Millionen davon leben im Ausland.

Die Türken in Deutschland stimmten bei der Präsidentenwahl nach ersten Teilergebnissen von Anadolu weitaus deutlicher für Erdogan als ihre Landsleute in der Türkei. Nach Auszählung von fast 40 Prozent der Stimmen aus Deutschland kam Erdogan auf 65,4 Prozent, wie Anadolu berichtete. Ince lag demnach mit 22,2 Prozent weit dahinter.

Erdogan hatte auch schon bei früheren Abstimmungen deutlich mehr Rückhalt bei den Türken in Deutschland als bei denen zu Hause. Bei der Parlamentswahl 2015 kam seine AKP im November 2015 in Deutschland auf 59,7 Prozent. Beim Referendum über Erdogans Verfassungsreform stimmten 63,1 Prozent mit Ja. Das oppositionelle Lager der Reformgegner kam in Deutschland damals nur auf 36,9 Prozent.

Die Einführung des Präsidialsystems ist Erdogans wichtigstes politisches Projekt. Die Opposition hatte die Rückkehr zum parlamentarischen System versprochen. Dafür wäre allerdings eine erneute Verfassungsänderung notwendig gewesen. Die Opposition wollte außerdem den Ausnahmezustand aufheben. Das hatte Erdogan im Wahlkampf für den Fall seiner Wiederwahl auch zugesagt.

Bei der Präsidentschaftswahl lagen der inhaftierte Kandidat der pro-kurdischen HDP, Selahattin Demirtas, und Meral Aksener von der national-konservativen Iyi-Partei mit jeweils mehr als sieben Prozent in etwa gleichauf. Zwei weitere Kandidaten spielten keine Rolle.

Die CHP griff am Sonntagabend besonders die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu an, der sie wegen der zunächst sehr hohen Werte für Erdogan auf der Basis von erst wenigen ausgezählten Stimmen «Manipulation» vorwarf. Experten bemängelten, Wahlbeobachter der Opposition würden dadurch bei der Auszählung entmutigt und womöglich frühzeitig nach Hause gehen. Ince forderte Wahlbeobachter dazu auf, bis zum Vorliegen der unterschriebenen Ergebnisprotokolle an den Urnen zu bleiben. «Verlasst die Urnen nicht.»

Anadolu war die einzige offizielle Quelle für Teilergebnisse. CHP-Sprecher Tezcan sagte: «Wir rufen alle unsere Bürger in 81 Provinzen dazu auf, in den Bezirken vor die Wahlkommissionen zu gehen. Haltet Wache bis morgen früh, sowohl vor den Wahlkommissionen in den Bezirken, als auch vor der Wahlkommission in Ankara.»

Ince hatte vor Schließung der Wahllokale auf Twitter geschrieben: «Was sie auch tun, sie werden verlieren. Die Zeiten, in denen mit Betrug und Schwindeleien Wahlen gewonnen wurden, sind nun vorbei. (...) Ich werde Eure Stimmen mit meinem Leben verteidigen, wir werden es schaffen.» Erdogan unterstrich nach der Abgabe seiner Stimme in Istanbul die Bedeutung der Wahlen. «Im Moment durchlebt die Türkei mit dieser Wahl regelrecht eine demokratische Revolution», sagte er.

Drei Deutsche, die auf Einladung der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP die Wahl beobachten wollten, wurden bei der Wahl festgenommen. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur wurden die beiden Männer aus Köln und die Frau aus Halle in Sachsen-Anhalt in Uludere in der südosttürkischen Provinz Sirnak von der Polizei festgenommen. Das Auswärtige Amt in Berlin bestätigte die Festnahme.

Wahlbeobachter meldeten besonders aus dem Südosten der Türkei Unregelmäßigkeiten. Bei Auseinandersetzungen während der Wahlen wurde ein Oppositionspolitiker getötet. Dabei handele es sich um den Bezirksvorsteher der national-konservativen Iyi-Partei in der osttürkischen Provinz Erzurum, wie die Oppositionspartei mitteilte. Die Nachrichtenagentur DHA sprach von einer weiteren getöteten Person. Es habe sich um eine Fehde zwischen zwei Familien gehandelt.

Zahlen und Fakten zur Türkei:

Einwohner: rund 81 Millionen; knapp 40 Prozent unter 25 Jahre alt (in Deutschland etwa 24 Prozent)

Lebenserwartung: Jungen 75,3 Jahre (Deutschland 78,3), Mädchen 80,7 Jahre (Deutschland 83,2)

Fläche: etwa 800.000 qkm - mehr als doppelt so groß wie Deutschland

Hauptstadt: Ankara (rund 5,5 Millionen Einwohner)

Staatsoberhaupt: Präsident Recep Tayyip Erdogan, seit August 2014

Religion: fast 100 Prozent Muslime, mehrheitlich Sunniten

Jugendarbeitslosigkeit: 19 Prozent (Deutschland 6,0 Prozent)



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    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation