Thema des Tages
17.06.2018

Deutschlands Weltmeister von Mexiko entzaubert

Von Klaus Bergmann, Jens Mende, Christian Kunz und Arne Richter, dpa

Moskau (dpa) - Am Ende des Kreuzverhörs vor der Weltpresse reagierte der von seiner Mannschaft irritierte Weltmeistercoach Joachim Löw mit Trotz.

«Wir werden es schaffen», versprach der Bundestrainer nach dem krachenden WM-Fehlstart des Titelverteidigers beim 0:1 (0:1) gegen Mexiko mit Blick auf das in Gefahr geratene Weiterkommen. Der nächste Vorrunden-K.o. eines Weltmeisters «wird nicht passieren», versprach Löw den Millionen enttäuschten Fußballfans in der Heimat.

Der Bundestrainer nahm vor der kurzen Heimfahrt aus dem Moskauer Luschniki-Stadion ins nahegelegene Quartier in Watutinki aber auch gleich seine Spieler in die Pflicht. «Der Start hat nicht geklappt. Wir werden jetzt deswegen nicht auseinanderfallen. Wir haben alle Möglichkeiten, das zu korrigieren», sagte er in dramatischer Form. Gegen Schweden muss am Samstag ein Sieg her.

«Halbherzig» und «ohne Mut», so lautete das ehrliche und schonungslose Fazit von Löw nach der ersten Niederlage bei einem Turnierstart in seiner zwölfjährigen Ära. Im Finalstadion ließen Toni Kroos und seine Kollegen alle Titel-Qualitäten vermissen. «Wir starten jetzt schon in die K.o.-Phase, weil wir nur noch Finals haben», sagte Manuel Neuer. Der Kapitän schilderte die Lage treffend.

Offensiv fehlte ein Konzept im deutschen Team, defensiv herrschte Notstand. Tempofußball spielte nur der aggressive Gegner, der nach unglaublich vielen Ballverlusten zu vielen Konterchancen kam. Das Siegtor des starken Linksaußen Hirving Lozano (35. Minute) vor 78.011 Zuschauern im Luschniki-Stadion war völlig verdient. «Das war das beste Spiel und das beste Tor meines Lebens», erklärte Lozano.

«Für einen Weckruf war das schon zu spät. Wir müssen zwei Spiele gewinnen. Sonst war es das mit der WM», mahnte Mats Hummels. Der Innenverteidiger wurde zum Chefkritiker und monierte die fehlende Balance zwischen Offensive und Defensive im deutschen Spiel.

«Wir haben in der ersten Halbzeit keine Lösungen gefunden», sagte Kroos. Er meinte die vielen Ballverluste, die auch Löw besonders missfielen. «Wir fahren im Abspiel fahrig.» Die erste Niederlage bei einem WM-Start seit dem 1:2 gegen Algerien 1982 in Spanien war so nicht zu verhindern. «Wir konnten uns hinten heraus nicht entfalten.»

Mit der Einwechslung von Marco Reus für Sami Khedira ergriff Löw erst nach einer Stunde ein taktisches Gegenmittel. Offensives Risiko war notwendig, blieb aber ohne Torertrag. Ein Freistoß von Kroos (39.), den Mexikos Torwart Guillermo Ochoa mit den Fingern an die Latte lenken konnte, schon in der ersten Halbzeit und mehr Druck in der Schlussphase waren insgeamt viel zu wenig. Mexiko siegte verdient und deckte die Mängel im deutschen Spiel schonungslos auf.

Schon in der ersten Minute wurde das deutsche Abwehr-Harakiri erstmals von den Mexikanern schonungslos offen gelegt. Über die linke Seite konnte Lozano in den Strafraum eindringen. Jérôme Boateng rettete per Grätsche - eine Riesentat. Dass der Berliner Marvin Plattenhardt kurzfristig als linker Verteidiger für den erkrankten Jonas Hector einspringen musste, war kein maßgebliches Handicap.

Die Problemzone war die andere Flanke. Joshua Kimmich spielte praktisch Rechtsaußen. Seine Defensivaufgaben blieben unerledigt. Torschütze Lozano, zum «Man of the Match» gekürt, hatte viel zu viel Raum. Immer wieder stießen die schnellen Mexikaner per Konter in diese Lücke. Löw reagierte auf dieses taktische Problem nicht.

«Wenn sieben oder acht Spieler offensiv spielen, dann ist klar, dass die offensive Wucht größer ist als die defensive Stabilität», kritisierte Hummels. Die Kollegen hätten ihn und seinen starken Defensivpartner Jérôme Boateng zu oft alleinegelassen.

Die Fehlerkette, die zum ersten Gegentor bei einem Turnierauftakt unter Löw führte, war symptomatisch. Der schwerfällige Khedira verlor in der gegnerischen Hälfte einen Zweikampf, Hummels rutschte in der Rückwärtsbewegung aus und die Kimmich-Seite war verwaist. Bezeichnend, dass der eigentlich fürs Kreative weit vorne vorgesehene Mesut Özil den finalen Zweikampf im führen musste - und diesen verlor. Löw kündigte eine konsequente Aufarbeitung an, sagte aber auch schon, er werde «an unserer Linie» festhalten.

Löws Mexiko-Taktik ging hinten und vorne nicht auf. Zu große Abstände zwischen den Mannschaftsteilen, keine Ordnung, keine Stabilität. Von der versprochenen Besserung nach den mauen Tests gegen Österreich (1:2) und Saudi-Arabien (2:1) war nicht zu sehen. Vor allem Khedira und Kroos konnten die Lücken nicht schließen. Gegen Hector Herrera (10.) und bei einem Kopfball von Hector Moreno (14.) packte der rechtzeitig genesene Schlussmann Neuer sicher zu.

Erst nach der Pause agierte der Weltmeister druckvoller nach vorne, obwohl die Mexikaner wesentlich mehr und bessere Tormöglichkeiten hatten. Dann kam Reus - ein Signal für die Jagd nach dem Ausgleich. Der Dortmunder rutschte bei seiner WM-Premiere am Ball vorbei (68.) und schoss aus spitzem Winkel drüber (71.). Bei den nun häufigeren Offensivaktionen war es oft Julian Draxler, der Richtung Ochoa-Tor strebte. Doch auch der PSG-Profi hatte kein Glück. Mexiko warf sich in jeden Schuss. Kroos zirkelte den Ball knapp vorbei.

Mario Gomez und Julian Brandt kamen als letzte Joker - konnten den Fehlstart aber auch nicht abwenden. Gomez vergab eine Kopfballchance (87.), Brandts Schuss knallte an den Außenpfosten (89.). Boateng sprach Klartext: «Ganz ehrlich, das war der schlimmstmögliche Start ins Turnier.» Dann fügte er hinzu: «Aber wir werden zurückschlagen.»



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    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation