Computer und Co.
20.04.2017

Wie Facebook menschliche Gedanken auslesen will

Von Christoph Dernbach, dpa

San Jose (dpa) - Woran im Facebook-Labor «Building 8» geforscht wird, ist eigentlich streng geheim. Nur zur Entwicklerkonferenz F8 lüftete der Internetkonzern den Schleier.

Die Chefin der Forschungsabteilung, Regina Dugan, stellte auf der Konferenz F8 ein ambitioniertes Projekt vor, dank dem Menschen direkt mit dem Gehirn schreiben können sollen. «Es klingt unmöglich, aber es ist näher als es Ihnen bewusst ist», versicherte sie.

Warum beschäftigt sich Facebook überhaupt mit diesem Thema?

Facebook-Chef Mark Zuckerberg ist fest davon überzeugt, dass Menschen in Zukunft nicht nur mit herkömmlichen Computern am Bildschirm und mit Tastaturen arbeiten werden oder konventionell mit dem Smartphone kommunizieren. Er stellt sich Umgebungen in einer virtuellen oder erweiterten Realität vor, in der Aktionen beispielsweise durch Sprachbefehle ausgelöst werden. Die direkte Steuerung aus dem Gehirn heraus ist da nur der nächste logische Schritt.

Wo stehen Forscher bei der «Gehirn/Computer-Schnittstelle» heute?

Facebook-Managerin Dugan verwies auf ein aktuelles Forschungsprojekt an der kalifornischen Universität Stanford, bei der eine Patientin mit der Nervensystemerkrankung ALS, die sich nicht mehr bewegen kann, mit Hilfe von implantierten Gehirnsensoren acht Worte pro Minute tippen kann. Sie kann dabei auf einer virtuellen Tastatur einzelne Buchstaben ansteuern. Sie kommt dabei immerhin auf ein Drittel der Durchschnittgeschwindigkeit, die Anwender eines Smartphones beim Tippen erzielen. Facebook will mit seinem Verfahren bei der fünffachen Tippgeschwindigkeit landen. «Selbst so etwas wie die Möglichkeit eines Ja/Nein-Klicks mit dem Gehirn würde unsere Fähigkeiten grundlegend verändern», betonte Dugan.

Will Facebook auch Elektroden in den Kopf implantieren?

Nein, das kürzlich aufgebaute Team von 60 Wissenschaftlern und Ingenieuren arbeitet laut Dugan an einem Verfahren, die Hirnsignale von außen optisch zu erfassen. Dazu benötige man allerdings Sensoren, die derzeit noch nicht existierten. Dugan sagt, man werde die Aktivität der Neuronen hunderttausende Male pro Sekunde messen und auf chemischem Niveau erkennen müssen, «wie sie Natrium einsaugen und Kalium ausstoßen».

Wie sollen diese Sensoren funktionieren?

Dugan betonte, optische Sensoren böten ohne chirurgische Eingriffe die benötigte Auflösung. Kern der Idee sei das Herausfiltern von so genannten quasi-ballistischen Photonen. «Wenn man einen Laser-Pointer an einen Finger hält, leuchtet der gesamte Finger rot.» Der Grund dafür, dass man nicht die Original-Auflösung des Laser-Pointers sehe, sei, dass die Photone mehrfach zerstreut würden. «Aber einige, sogenannte ballistische Photone werden überhaupt nicht zerstreut - nur gibt es zu wenig von ihnen. Quasi-ballistische Photone stehen dazwischen - sie werden zerstreut, aber nicht zu oft. Und wenn es uns gelingt, nur sie herauszufiltern, könnten wir die räumliche Auflösung bekommen, die wir brauchen, und genug davon für Messungen haben.»

Sind die Datenmengen im Gehirn nicht viel zu groß, um über technische Schnittstellen nach außen geführt zu werden?

Dugan verwies in ihrem Vortrag darauf, dass in einem menschlichen Gehirn rund 86 Milliarden Neuronen jeweils rund 1000 Signale in einer Sekunde senden. Um diese gewaltige Datenmenge nach außen zu leiten, benötigt man theoretisch die Kapazität eines modernen Glasfaserkabels, das ein Terabit pro Sekunde übertragen kann. Mit bislang verfügbaren Methoden - wie Sprache - könnten aber gerade Mal 100 Bit pro Sekunde übermittelt werden. «Das wäre so, als würde man versuchen, 40 HD-Filme über ein altes Modem aus dem Jahr 1980 zu schicken.»

Sucht Facebook auch nach einem Verfahren, Informationen in das Gehirn zu bringen?

Ja, das soll beispielsweise gehörlosen Menschen helfen. Facebook erforscht in dem Projekt die Möglichkeit, über die Haut zu «hören». Dugan zeigte das Video eines Tests mit einer Frau, die Worte anhand von Vibrationen eines Geräts am Arm erkennen kann. Den aktuellen «Sprachschatz» aus neun Worten habe sie sich binnen einer Stunde angeeignet.

Forscht Facebook alleine an diesem Thema?

Nein, der «direkte Draht zum Denken» beschäftigt viele Forscher in aller Welt, darunter auch Wissenschaftler in Deutschland. So ist man am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme in Tübingen in der Lage, die Gehirnaktivität eines Menschen durch sogenannte EEG-Signale mitzulesen. Die Forscher versuchen dabei zu entschlüsseln, welche Signale zu welchen Denkvorgängen gehören. Auch vollständig gelähmte Patienten sollen so etwa wieder mit der Umwelt kommunizieren können.



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    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation