Thema des Tages
09.08.2012

Analyse: Vieles soll nach dem Skandal besser werden

Von Basil Wegener, dpa

Die Prüf- und Überwachungskommissionen im Bereich der Organspende werden hart kritisiert. Foto: Carsten Rehder

Berlin (dpa) - Vieles bei der Organspende in Deutschland soll auch nach dem Skandal von Göttingen und Regensburg beim Alten bleiben - und doch soll alles besser werden. Auf diesen Nenner kann man die Ankündigungen von Ärzten, Kliniken und Krankenkassen nach ihrem Sondertreffen in Berlin bringen.

Das Gebot der Stunde: das Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen. Doch selbst der vorsichtige medizinische Direktor von Eurotransplant, Axel Rahmel, erlaubt sich Zweifel: «Das wird nur gelingen, wenn jetzt auch schnell gehandelt wird und es nicht bei einem Stück Papier bleibt.»

Für ihre Beschlüsse reicht den drei beteiligten Organisationen eine Seite. Der Ton ist einigermaßen scharf. Kontrollen sollen intensiviert werden. Mehrere Stellen sollen die Organzuteilung überwachen. Bei dunklen Machenschaften könnte Ärzten demnach die Approbation entzogen werden. Kliniken soll im Ernstfall sogar die Erlaubnis genommen werden, etwa Lebern oder Lungen zu transplantieren. Prüfberichte sollen veröffentlicht werden.

Doch viele Reformen dürften nur langsam vorankommen oder weniger durchgreifend sein, als es sich anhört. Was hindert die Ärztekammern beispielsweise daran, Ärzte bei Fehlverhalten rasch außer Dienst zu stellen? Das liegt in der Hoheit der Länder, sagt Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery. «Ich hielte es für erstrebenswert, wenn die Ärztekammern (...) das Approbationsentziehungsrecht bekommen würden.» Doch den Ärzten mehr Macht geben?

Kritiker stören sich daran, dass die für die Organtransplantation zuständigen Akteure sich vor allem selbst kontrollieren. Das soll auch so bleiben. Doch die zuständigen Prüf- und Überwachungskommissionen sollen künftig schärfer vorgehen und ihre Berichte veröffentlichen - ein Quantensprung? 20 Fälle mit Verdacht auf Fehlverhalten haben die Kommissionen in den vergangenen Jahren an die Behörden gemeldet - welche, bleibt im Verborgenen. Für die Zukunft kann sich Montgomery aber auch Pressekonferenzen zu den Kontrollberichten vorstellen.

Kommt nun mehr Staatsaufsicht? Die Ärzte sehen das so: Die Regeln der Transplantationsmedizin seien so kompliziert, dass staatliche Ermittler oder Staatsanwaltschaften ohne ihre Expertise gar nicht weiterkommen. «Wir müssen das besser verschränken», sagt Montgomery aber. Er fordert polizeiähnliche Kompetenzen staatlicher Organe in dem Bereich.

Wie unabhängig werden die Ärzte sein, die nun zusätzlich mitentscheiden sollen, ob ein Patient Zugang zu Warteliste und Spenderorganen erhält? Laborärzte sollen die Aufgabe übernehmen - sie seien nicht direkt mit der Transplantation befasst, bei ihnen liefen aber alle Daten zusammen.

Die Verbände deuten an, dass sie personelle und finanzielle Grenzen sehen beim Ziel, Kontrollen flächendeckend aufzuziehen. Doch wollen sie den Eindruck vermeiden, dass nun das im Gesundheitswesen übliche Geschachere ums Beitragsgeld losgeht. «Es wird keine Frage der Finanzen sein, sondern es wird eine Frage der intelligenten Kontrollen sein», versichert der Vizechef des Kassenverbands, Johann-Magnus von Stackelberg.

Hat der Bundestag nicht erst im Mai mit großem Ernst eine als historisch gefeierte Reform der Organspende in Deutschland beschlossen? Künftig sollen sich viel mehr Menschen zur Spende bereiterklären. Seit dem Skandal um manipulierte Patientendaten sind aber immer neue Bereiche bei der Vergabepraxis in Verruf geraten. Jetzt wollen die Ärzte die immer zahlreicheren Schnellvergaben von Organen eindämmen - solche Sonderwege aber beibehalten, um schwer vermittelbare Organe überhaupt nutzen zu können.

Die Ärzte sehen sich weiter am Zug - und wollen Richtlinien ändern. Aber auch Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) will handeln - mit weiteren Spitzentreffen und dem Schließen möglicher Gesetzeslücken. Die ersten Konsequenzen der Ärzte begrüßte er. Besorgt zeigt sich SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, der mit der Nierenspende an seine Frau dem Thema Organspende viel Aufmerksamkeit verschafft hatte. Er meint: «Das Vertrauen in das uneigennützige, dem Patientenwohl verpflichtete Handeln der Ärzteschaft ist erschüttert.»



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