Computer und Co.
07.08.2012

Per Handy einen Thriller twittern

Von Annette Birschel, dpa

Bei Twitter-Nutzern in den Niederlanden war ein Film angesagtes Thema. Foto: Twitter

Utrecht (dpa) - «Schlag mit dem Kopf gegen die Wand», befiehlt Daphne per Tweet dem Filmschauspieler Tygo Gernandt. Wenige Sekunden später prallt dessen Kopf ein Dutzend mal gegen die weißgekalkte Mauer, live zu sehen im Internet.

Tausende Niederländer konnten am Montagabend mit Handy oder Computer über Twitter Regie bei einem Spielfilm führen und gleichzeitig das Ergebnis sehen. «Es war ein gelungenes Experiment», sagt Marieke Salie, Sprecherin des niederländischen Filmfestivals in Utrecht, das das Projekt organisiert hat.

Der Titel des 90-minütigen Thrillers «Unter Kontrolle» (Onder Controle) war passend: Wie Marionetten bewegten sich die 13 bekannten niederländischen Schauspieler nach den getippten Anweisungen, die von Groningen bis Maastricht eintrafen. Eine Redaktion wählte die stärksten Tweets aus und gab sie über drahtlose Kopfhörer an die Akteure weiter. Eine mehr als 100 Personen starke Crew wirkte bei der Produktion in Overberg bei Utrecht mit, zehn Kameras waren im Einsatz.

Totale Freiheit hatten die Möchtegern-Spielbergs allerdings nicht. Die Rahmenhandlung war vorgegeben: Der Autor Thijs Bos wacht in einer Zwangsjacke in einer psychiatrischen Klinik auf und wird des Mordes an seiner Freundin Sara beschuldigt. Wer steckt dahinter? Kann er fliehen? Und was ist mit Sara? «Das alles war zuvor in zehn groben Szenen festgelegt», räumt Festivalsprecherin Salie ein. Doch was Thijs tut oder was die anderen Insassen der Anstalt sagen, das bestimmten die Twitterer in maximal 140 Anschlägen unter #nff2012.

Nicht alle Anweisungen sind leicht umzusetzen. «Macht doch ein Kochprogramm», fordert einer. Wenig später improvisieren die drei Patientendarsteller ein Wettkochen wie in einer realen TV-Show. Dann will jemand, dass Hauptdarsteller Tygo Gernandt die Ärztin verführt, die ihn gerade mit Elektroschocks foltert. Innerhalb weniger Minuten wird aus der Folterszene ein erotisches Spiel. «Nach einem echten Drehbuch zu agieren, ist einfacher», sagt Gernandt später. «Aber ich habe jeden Tweet gemacht.»

Ab und zu lief auch etwas schief. Dann war mal eine Kamera im Bild oder der Ton schlecht. «Wahnsinn. Das ist echt live», schrieb Melanie. Das Ende war überraschend: Bei ihrer Flucht aus der Anstalt werden Thijs und Sara aufgehalten. «Ihr habt keine Kontrolle mehr», sagt drohend ihr Gegenspieler. «Twitter, die Niederlande haben die Kontrolle.» Und dann erscheint die gesamte Crew im Bild. «Das hatte ich nicht erwartet», twittert Iris. «Super, das müssen wir noch mal machen.»

Der Film soll auf dem Festival im September gezeigt werden, und die besten Szenen sollen zu einem Werbespot für das Festival montiert werden.



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    Quelle: Deutsche Bank / Realtime Indikation