Thema des Tages
07.08.2012

Organe ohne Warteliste: Schnellverfahren manipuliert?

Von den 12 000 Menschen, die in Deutschland auf eine Organspende warten, sterben im Durchschnitt jeden Tag drei. Foto: Frank May/Archiv

Berlin (dpa) - In Deutschland gelangen immer mehr rettende Spenderorgane auf Sonderwegen zu todkranken Patienten - an der allgemeinen Warteliste vorbei. Allein im Vorjahr wurden rund 900 Mal Herz, Lunge, Niere, Leber oder Bauchspeicheldrüse per beschleunigter Vermittlung vergeben.

Im Schatten des jüngsten Organspende-Skandals fordern Opposition und Patientenschützer nun auch in diesem Bereich Aufklärung wegen möglicher Unregelmäßigkeiten. Ärzte und Eurotransplant verteidigten die Praxis.

Mehr als jede dritte Leber, fast jedes vierte Herz und sogar jede zweite Bauchspeicheldrüse wurde im beschleunigten Verfahren verteilt, wie aus einer Antwort des Bundesgesundheitsministeriums auf eine Frage der Grünen hervorgeht. Offiziell handelt es sich um Organe mit möglichen Risikofaktoren.

2002 lag der Anteil der beschleunigten Verfahren bei Herz, Leber und Bauchspeicheldrüse noch unter 10 Prozent. Hier entscheiden oft die Ärzte in den einzelnen Transplantationszentren, wer ein Organ bekommt. Dies nährt unter Experten Zweifel, dass das Verfahren gegen mögliche Manipulationen ausreichend abgesichert ist. Die «Frankfurter Rundschau» hatte zuerst darüber berichtet.

Die Bundesärztekammer und die für die Organzuteilung zuständige Stiftung Eurotransplant verteidigten den Sonderweg zum Organ. «Wir haben dieses beschleunigte Vermittlungsverfahren bewusst eingeführt, um die Nutzung zur Verfügung gestellter Organe zu verbessern», sagte Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery der Nachrichtenagentur dpa. Infrage kämen dafür Organe mit Qualitätsproblemen wegen des Alters oder Vorerkrankungen der Spender. Die Zeit für längere Transporte fehle oft, für manche möglichen Empfänger passten die Organe nicht. Sie bleiben in der Regel in der jeweiligen Region.

«In der Vergangenheit wären diese Organe verlorengegangen», sagt Axel Rahmel, Medizindirektor bei Eurotransplant, die für die Zuteilung von Spenderorganen zuständige Stiftung.

Das Ministerium begründete den Anstieg mit dem wachsenden Spenderalter. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach entgegnete: «Der Anstieg ist in keinem Fall mit dem steigenden Alter der Spender zu erklären.» Es sei überraschend, dass die Aufsichtsbehörden untätig geblieben seien, sagte er der dpa. «Der Anstieg muss einem zu denken geben.»

Der Grünen-Gesundheitspolitiker Harald Terpe forderte: «Zu klären ist, wie wir sicherstellen können, dass die Transplantationsmedizin kontrollsicher und transparent ist.» Bereits seit längerem sei bekannt, dass es in dem beschleunigten Verfahren unzureichend dokumentierte Fälle gebe, sagte er der dpa. Die Linke forderte, der Bundestag müsse das komplette Regelwerk auf den Prüfstand stellen.

Der Vorstand der Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung, Eugen Brysch, sagte der dpa, in einem Prüfbericht im Auftrag des Gesundheitsressorts sei das Verfahren bereits vor Jahren als anfällig für Manipulationen bezeichnet worden. «Die 50 Transplantationszentren wickeln hier Organentnahme, Verteilung und Empfang größtenteils in Eigenregie ab.» Brysch verlangte Aufklärung über den Anteil der Privatzahler und ausländischer Organempfänger am beschleunigten Verfahren.

Die Universitätskliniken Regensburg und Göttingen werden derzeit von einem Organspende-Skandal erschüttert. Ein Oberarzt steht im Verdacht, zuerst in Regensburg und später in Göttingen Krankenakten gefälscht zu haben. Dabei soll er die Krankheit auf dem Papier verschlimmert haben, damit den Patienten schneller eine neue Leber implantiert wurde - obwohl andere sie vielleicht nötiger gehabt hätten.



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