Computer und Co.
28.06.2012

Feature: Die große Google-Show in San Francisco

Von Christoph Dernbach, dpa

Google-Mitbegründer Sergej Brin spricht überraschend auf der Entwicklerkonferenz Google I/O, um Anwendungen der Irtual-Reality-Brille Google Glass vorzustellen. Foto: Christoph Dernbach

San Francisco (dpa) - Von den beiden Google-Gründern Larry Page und Sergej Brin hat der Nachkömmling russischer Einwanderer derzeit eindeutig den cooleren Job.

Während Page sich mit Problemen wie Patentstreitigkeiten und Regulierungsfragen herumschlagen muss und dabei zeitweise die Stimme verloren hat, kann Brin seine Rolle als Ober-Tüftler bei Google voll ausleben. Der 38-Jährige treibt bei dem Suchmaschinenkonzern Projekte wie das selbstfahrende Auto oder die Daten- und Videobrille Google Glass voran, die auf den ersten Blick unrealistisch erscheinen, bei einem Erfolg jedoch die Welt grundlegend verändern könnten.

Auf der Entwicklerkonferenz Google I/O in San Francisco zog Brin über 6000 Programmierer und Internet-Experten in seinen Bann - auch weil er tief in die Show-Trickkiste griff. Statt trocken über die Fortschritte des kühnen Technologie-Projektes zu referieren, inszenierte er die Videobrille im Stile eines «Mission Impossible»-Kinofilms.

Aus einem Luftschiff, das über dem Konferenzzentrum kreiste, stürzten sich Fallschirmspringer mit einer Datenbrille auf der Nase in die Tiefe. Die Bilder aus der Brillenkamera wurden über eine Videoschaltung (Google Hangout) in die Halle übertragen. So konnten die Besucher der I/O live sehen, wie die Fallschirmspringer auf dem Dach des Konferenzraums landeten und sich dann wie Tom Cruise zu seinen besten Zeiten an der Glasfassade abseilten, um schließlich in dem Saal mit frenetischem Beifall bejubelt zu werden.

Dabei ist Google Glass in diesem Entwicklungsstadium noch lange kein fertiges Produkt. Erst in einem halben Jahr werden experimentierfreudige Entwickler in den USA für 1500 Dollar ein «Explorer-Pack» erwerben können, um dann Anwendungen für die Cyber-Brille schreiben zu können. Es gebe leider noch einige Regulierungsfragen, die einen Einsatz außerhalb der USA derzeit nicht möglich machten, räumte Brin ein. Doch Google Glass ist in seinen Augen kein Projekt für den Sankt Nimmerleinstag. Es soll noch Ende 2013 oder Anfang 2014 in einem Produkt für Verbraucher münden, das dann auch deutlich preiswerter sein soll als die Entwickler-Version.

«Ich habe mit Google Glass beispielsweise ein Video aufgenommen, wie ich mit meinem drei Jahre alten Sohn spiele und ihn dabei in die Luft werfe und wieder auffange», sagte Brin in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. «Diesen wunderschönen Moment hätte ich mit einer herkömmlichen Kamera nie erfassen können.»

Brin lässt sich auch von unzähligen praktischen Herausforderungen und bislang ungelösten Fragen nicht abschrecken: Wie können Brillenträger mit der zusätzlichen Cyber-Brille umgehen? Wie sieht es mit dem Datenschutz aus, wenn man gar nicht mehr klar erkennen kann, ob der Träger einer Videobrille gerade eine Aufnahme macht oder nicht? Wie sieht es mit der Batterielaufzeit aus? Gefährdet der Einsatz einer Datenbrille im Auto nicht den Straßenverkehr? Brin erkennt die Herausforderung und spricht von einem «erheblichen Risiko», das Google eingehe.

Mit dem wuchtigen Auftritt von Brin geriet nicht nur die mysteriöse Krankheit, die Google-Chef Larry Page die Stimme geraubt hat, in Vergessenheit. Auch wichtige Produkt-Ankündigungen wie das neue Mini-Tablet Nexus 7, das neue Android-System 4.1 «Jelly Bean» oder der futuristische Medien-Computer Nexus Q wurden in den Schatten gestellt. Dabei hatte Google schon vor der Glass-Demo ein beachtliches Feuerwerk gezündet.

Mit dem im San Francisco präsentierten Nexus 7 hat Google endlich eine Antwort auf das Amazon-Gerät Kindle Fire gefunden, das bislang als erfolgreichstes Tablet die Verfolgungsjagd auf den übermächtigen Marktführer Apple angeführt hat. Und obwohl der Kindle Fire auf dem Google-System Android aufsetzt, hatte Amazon es bislang geschickt verstanden, Google aus dem kommerziellen Ökosystem rund um den Fire herauszuhalten. Diese Vormachtstellung wird Amazon nun vermutlich verlieren. Aber auch Apple muss sich in Acht nehmen, weil dem iPad nun ein Konkurrent entgegentritt, der zwar kleiner ist und nicht alle Funktionen des iPads hat, aber auch deutlich preiswerter ist. Und bei der neuen Android-Version 4.1 «Jelly Bean» führte Google Funktionen wie die Spracherkennung ohne Internet-Verbindung ein, die selbst das iPhone von Apple nicht beherrscht.

Am Ende sprachen aber alle nur über die Fallschirmspringer und Google Glass, obwohl die Datenbrille in absehbarer Zeit weder für Google noch die Entwickler auf der I/O für Umsätze sorgen wird. Und auch intern hat Google-Mitbegründer Brin die Latte höher gelegt. «Morgen wird auf der I/O (der führende Google-Manager) Vic (Gundotra) mit einem Motorrad über ein Becken springen, in dem Haifische schwimmen», kommentierte augenzwinkernd Gartner-Analyst Michael Gartenberg.



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