Thema des Tages
23.06.2012

Forsche Töne: «EM-Titel geht nur über uns»

Von Klaus Bergmann und Jens Mende, dpa

Philipp Lahm jubelt über seinen Treffer zum 1:0. Foto: Kamil Kraczynski

Danzig (dpa) - Joachim Löw wird zum EM-Magier. Auch die gewagte Überfall-Taktik gegen Griechenland mit gleich drei Offensiv-Wechseln ging grandios auf.

Bei der 4:2 (1:0)-Torgala gegen Griechenlands überforderte Fußball-Zerstörer zählten die neu ins Team gekommenen Miroslav Klose und Marco Reus sogar zu den gefeierten Schützen.

«Wir vertrauen dem Trainer fast schon blind. Alles, was er macht, hat Hand und Fuß», schwärmte der im Mittelfeld königlich aufspielende Real-Madrid-Star Sami Khedira, der bei der Europameisterschaft mehr und mehr zum verlängerten Arm von Löw auf dem Spielfeld avanciert.

Was der Stratege Löw in Polen und der Ukraine anfasst, wird zu Gold. «Das ist aufgegangen», freute sich der Chefcoach beinahe diebisch. Bundeskanzlerin Angela Merkel gratulierte ihrem Team in der Kabine des Danziger Stadions. «Glückwunsch, weiter so!», sagte die Regierungschefin in ihrer kurzen Rede.

Beim Finale am 1. Juli in Kiew möchte sie ein Wiedersehen mit Philipp Lahm & Co. feiern - dann mit dem EM-Pokal. Das Selbstvertrauen ist nach dem vierten Sieg kaum noch zu überbieten: «Der Europameistertitel geht nur über uns», tönte der Turnierdebütant Reus am Samstag unbekümmert und forsch.

Löw stimmte eine Lobeshymne auf seine schwarz-rot-goldene Siegertruppe an, die ihre Rekordserie auf 15 Pflichtspiel-Erfolge in Serie ausbauen konnte: Weltrekord! «Wir sind zum vierten Mal hintereinander bei einem großen Turnier im Halbfinale - 2006, 2008, 2010, 2012. Das ist eine hervorragende Leistung. Wir haben die jüngste Mannschaft beim Turnier mit großen Perspektiven», schwärmte Löw, der dieses Team mindestens bis zur WM 2014 in Brasilien weiter begleiten und entwickeln wird - ohne Grenzen nach oben. «Wir haben einen sensationellen Kader, haben sensationelle Qualität», erklärte Kapitän Lahm. Die Titelträume reifen!

Am Sonntagabend können Löw und seine Spieler nun entspannt und gebannt zugleich vor dem Fernseher den Halbfinalgegner beobachten - England oder Italien. «Beide Mannschaften sind sehr unangenehm. England ist viel besser als 2010, bei Italien ist es ähnlich. Alle Mannschaften, die ins Halbfinale kommen, sind Titelanwärter», sagte Löw. «Mir wäre England lieber, aber es ist einfach schön, dass es im Halbfinale zu einem Klassiker kommt», kommentierte Lahm.

Der Kapitän hatte den Griechen-Beton mit seinem 1:0 in der 39. Minute als erster ein wenig zerbröselt. Khedira (61.), Klose (68.) und Reus (74.) brachten ihn zum Einsturz. «Wir haben die Griechen mit vielem schlichtweg überfordert», stellte Löw zufrieden fest.

Letztendlich waren die Gegentore von Georgios Samaras (55.) und Dimitrios Salpingidis (90./Handelfmeter) nur Schönheitsfehler. «Ich habe von Anfang an gesagt, die Favoriten auf den Titelgewinn sind Spanien und Deutschland», erklärte Griechenlands Trainer Fernando Santos nach dem K.o. seiner fußballerisch limitierten Hellas-Auswahl.

Dem Europameister von 2004 hatte es auch nichts genützt, dass Löws tagelang geheim gehaltener Wechsel-Coup mit Klose, Reus und Schürrle wenige Stunden vor dem Anpfiff publik geworden war. «Das ist nicht in meinem Sinne, wenn das passiert», sagte der Chefcoach zum Leck im innersten Zirkel der Nationalmannschaft: «Von den Spielern kommt es auf jeden Fall nicht, diese Rückversicherung habe ich.»

Der Plan, Gomez, Podolski und Müller durch frische Kräfte zu ersetzen, «war mir schon länger im Kopf herumgegeistert», berichtete Löw. «Irgendwie war die Zeit reif, etwas zu verändern. Ich wollte unberechenbar bleiben für die Griechen», erläuterte der Taktikfuchs.

Es habe ihm «auch wehgetan», den dreifachen EM-Torschützen Mario Gomez und Lukas Podolski zu opfern. Aber er habe «andere Spielertypen» gebraucht, die Laufwege aus dem Mittelfeld in die Tiefe gemacht hätten. «Marco Reus hat sehr gut gespielt, André Schürrle ebenso. Miroslav Klose macht ein Tor wie Reus. Das war irgendwie auch der Schlüssel zum Sieg», lobte Löw die Spieler und sich selbst.

«Frech spielen», das habe ihm der Trainer aufgetragen, erzählte der überglückliche Reus nach seinem EM-Debüt. Im vierten Spiel setzte Löw sein gewaltiges Bank-Kapital erstmals ein, die Gewinnausschüttung könnte bis zum Endspiel anhalten. Der nächste «wichtige Schritt» sei vollzogen, sagte Abwehr-Ass Mats Hummels: «Aber wir wissen, dass die weiteren Gegner ein anderes Kaliber sein werden als Griechenland.»

Vor dem Halbfinale ist Hochspannung im Kader, der Kampf um die elf Startplätze beim nächsten Showdown am Donnerstag in Warschau dürfte hitzig werden. Nur Torwart Manuel Neuer, die vier Abwehrspieler und das zentrale Mittelfeldtrio mit dem stark verbesserten Spielmacher Mesut Özil, einem sich quälenden Bastian Schweinsteiger und dem zum Giganten gereiften Khedira sind fix vergeben.

«Er ist eine wirkliche Führungspersönlichkeit geworden», adelte Löw den 25-jährigen Khedira: «Sehr gut, sehr dynamisch, sehr präsent. Es ist gut für die anderen, dass er da ist.» Aufhalten soll Magier Löw und seine Ballzauberer keiner mehr, wie der als «Spieler des Spiels» ausgezeichnete Özil verkündete: «Für uns ist es egal, ob nun England oder Italien kommt. Wir wollen den nächsten Schritt machen - wir wollen ins Finale!»



Thema des Tages

Assad rechnet mit Militärintervention des Westens

Damaskus (dpa) - Russland und die USA wollen die syrischen Bürgerkriegsparteien zu Verhandlungen zwingen. Doch Assad glaubt nicht, dass dies den Konflikt beenden wird. Zumindest in diesem Punkt liegt die Opposition auf seiner Linie. Assad rechnet mittelfristig mit einer Militärintervention. Im Kampf um Al-Kusair sollen Hisbollah-Kämpfer gefallen sein. »weiter
Lesen Sie auch:
  • Assad: Syrien-Friedenskonferenz ohne Chance
  • Syrien gleicht einem Schlachthaus - Foltermethoden wie im Mittelalter
  • Dutzende Tote in syrischer Provinz Homs
  • Computer

    Tumblr-Gründer Karp - der spartanische Internet-Tycoon

    New York (dpa) - Erst im Januar grinste David Karp vom Cover des US-Magazins «Forbes». Es kommt nicht oft vor, dass einem 26-Jährigen die Titelgeschichte in einer der einflussreichsten Zeitschriften der Welt gewidmet wird. »weiter
    Lesen Sie auch:
  • Yahoo kauft Tumblr: «Wir versprechen, es nicht zu versauen»
  • WHS-Stiftung stellt Förderung von Wikileaks weitgehend ein
  • «Focus»: WhatsApp legt in Deutschland rasant zu


  • Wissenschaft

    Vögel: Gute Taucher sind zwangsläufig schlechte Flieger

    Washington (dpa) Tauchen und Fliegen passt in der Natur nicht gut zusammen: Vögel, die ihre Flügel an eine Fortbewegung unter Wasser angepasst haben, tun sich mit dem Fliegen schwer. Denn ihr Energieaufwand ist in der Luft vergleichsweise sehr hoch. »weiter
    Lesen Sie auch:
  • WHO warnt vor Gefahren durch neue Viren
  • Studie: Erde erwärmt sich langsamer als bisher berechnet
  • Natur und Zucht: Karpfenrassen sind unterschiedlich risikobereit
  • Börse