Computer und Co.
22.05.2012

Microsoft stoppt Streetside wegen Verpixelungs-Anfragen

Ein Kamera-Auto des Kartendienstes Bing Maps Streetside fährt in Nürnberg durch eine Straße. Foto: Daniel Karmann

München/Redmond (dpa) - Als Reaktion auf umstrittene Verpixelungs-Anfragen hat Microsoft seinen Panorama-Kartendienst Streetside in Deutschland vorerst gestoppt. Die bereits veröffentlichen Fotos von Straßen in Städten wie Berlin, München, Stuttgart oder Frankfurt/Main können nicht mehr abgerufen werden.

Nach dpa-Informationen wurde der Stopp aus der Konzernzentrale in Redmond verfügt. Das Unternehmen erklärte, eine begrenzte Anzahl von Kunden habe Bedenken dazu geäußert, wie Microsoft mit den Verpixelungs-Anfragen umgehe. «Da wir die Privatsphäre und den Datenschutz unserer Kunden sehr ernst nehmen, haben wir beschlossen, den Beta-Service von Stretside in Deutschland abzuschalten und an einer Lösung zu arbeiten.»

Bereits von sieben Wochen hatte Microsoft ein politisches Signal in Deutschland gesendet. Der Konzern verlegte damals seine europäische Distributionszentrale aus Nordrhein-Westfalen in die Niederlande, um seine Produkte vor den Auswirkungen von Patenklagen vor deutschen Gerichten zu schützen. Es ging dabei vor allem um eine Klage einer Motorola-Tochter wegen des Videokompressions-Standards H.264. Davon sind mehrere Microsoft-Produkte betroffen, darunter das Betriebssystem Windows 7 und die Spielekonsole Xbox 360. Um zu verhindern, dass Lagerbestände in Deutschland festgesetzt oder gar beschlagnahmt werden, zog der Konzern sie lieber ins Nachbarland ab.

Auch beim Dienst Streetside, der Bestandteil des Onlineservices Bing Maps ist, sah sich das Unternehmen durch politische und juristische Rahmenbedingungen in Deutschland im internationalen Vergleich benachteiligt. Microsoft hatte so wie Google im vergangenen Herbst auch eine Vorab-Widerspruchsfrist für Menschen angeboten, die ihre Wohnhäuser in den Bildern verpixelt haben wollen. Davor gab es heftige Diskussionen: Der von Industrie und Politik vereinbarte Datenschutzkodex sah keinen Vorab-Anträge vor. Datenschützer bestanden jedoch darauf.

«Wir sind bereit, auf die Datenschützer zuzugehen», sagte im Juni 2011 der damalige Microsoft-Deutschlandchef Ralph Haupter der Nachrichtenagentur dpa. Eine generelle politische Regelung sei jedoch dringend notwendig. Haupter, der inzwischen für Microsoft die Leitung der Niederlassung in China übernommen hat, verwies damals auf den Geodatenkodex, in dem sich die Branche auf die Einhaltung von Datenschutzregeln selbst verpflichtet habe. Weil der Kodex keine Vorab-Widerspruchsmöglichkeit verlangt habe, hätten die erneuten Forderungen der Datenschützer für Irritationen gesorgt.

Microsoft bekam allerdings deutlich weniger solcher Vorab-Widersprüche als ein Jahr zuvor Google bei seinem Dienst Street View: knapp 81 000 gegen 244 000. Die Branche hatte kritisiert, dass die Infrastruktur zur Erfüllung der Verpixelungs-Forderungen solche Dienste stark verteuere.

Beschwerden zum Umgang mit den Verpixelungs-Anfragen haben nun dazu geführt, dass in der Konzernzentrale in Redmond die Reißleine gezogen wurde. Man werde nun abwägen, wie mit dem Dienst weiter verfahren werde. Aus der Stellungnahme geht nicht hervor, ob Streetside in Deutschland komplett eingestellt wird oder ob Microsoft sich weiter mit den Beschwerden beschäftigt, um Streetside wieder online zu bringen.

Wählt man derzeit im Microsoft-Kartenangebot Bing Maps als Standort Deutschland aus, erscheint der Knopf zum Aufruf von Streetside nicht mehr. Surft man in Bing Maps unter der Voreinstellung für die USA, kann man Streetside-Fotos außerhalb von Deutschland, etwa im britischen Liverpool, weiterhin aufrufen. Für Städte in Deutschland, die eigentlich für Microsoft fotografiert wurden, erscheint nun die Fehlermeldung «Streetside is not available here» (Streetside ist hier nicht verfügbar).



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    Quelle: Deutsche Bank / Realtime Indikation