Computer und Co.
15.05.2012

Feature: Die große Facebook-Wette: Milliarden für eine Vision

Von Andrej Sokolow, dpa

New York/Berlin (dpa) - Mit der neuen Preisspanne für die Facebook-Aktie ist es klar: Das weltgrößte Online-Netzwerk wird zum Start an der Börse wahrscheinlich über 100 Milliarden Dollar wert sein. Mehr als viele Industrie-Riesen mit ihren Fabriken, Flugzeugen, Schiffen und zehntausenden Mitarbeitern.

Und was hat Facebook? Nichts außer Regalen an Servern, 900 Millionen Mitgliedern - und ihren Daten. Und der Überzeugung von Gründer Mark Zuckerberg, dass die Menschen in aller Welt im Grunde gleich sind: Sie wollen kommunizieren und ihr Leben mit Freunden teilen. Und dafür sind sie auch bereit, in Kauf zu nehmen, dass Facebook Eintrag um Eintrag Unmengen ihrer Daten einsammelt.

Fast eine Milliarde Mitglieder - das zeigt, dass die Idee von Facebook Feuer gefangen hat. Aber darin, den gewaltigen Datenschatz zu Geld zu machen, war Facebook bisher noch nicht so gut. Eine Milliarde Dollar Gewinn bei 3,7 Milliarden Umsatz 2011 ist zwar eine fantastische Rendite. Aber zugleich auch nur etwas mehr als ein Dollar pro Nutzer. Im Jahr. Die Bewertung zum 100-fachen des Jahresgewinns ist letztlich eine riesige Wette, dass Facebook diesen Ertrag massiv steigern kann. Dass Mark Zuckerberg Recht behält mit seinen Visionen. Und dass die Nutzer weiter fleißig ihre Daten in die große Facebook-Schatztruhe reinschütten.

Facebook hat nie verhehlt, dass absolut alle Daten, die ein Nutzer hinterlässt, für personalisierte Werbung verwendet werden können. «Dazu gehört alles, was Du bei Facebook teilst und machst, etwa, welche Seiten Dir gefallen, Schlüsselwörter aus Deinen Einträgen und die Schlüsse, die wir aus Deiner Nutzung von Facebook ziehen», steht unmissverständlich im Entwurf für die neue Daten-Richtlinie. «Bei Facebook sind Sie das Produkt», belehrte einst der Internet-Sicherheitsexperte Bruce Schneier die Nutzer.

Jeder von den 3,2 Milliarden «Gefällt mir»-Klicks oder Kommentaren pro Tag, jeder Eintrag, der einen als Hundebesitzer, Hobby-Angler, Möchtegern-Model oder «Twilight»-Fan identifiziert - all das ist für Facebook wie feiner Goldstaub, mit dem man reich werden kann. «Zum Beispiel kann ein Werbekunde sich entscheiden, Frauen im Alter zwischen 18 und 35 Jahren anzusprechen, die in den USA leben und Basketball mögen», beschreibt es Facebook selbst. Man könne sich auch direkt an Leute wenden, die zum Beispiel bestimmte Künstler mögen. Anhand des aktuellen Aufenthaltsorts - erkannt zum Beispiel vom GPS-Empfänger des Smartphones - könne Facebook bestimmte Konzerte oder Angebote empfehlen. Die Ortungsdaten sollen dabei nur «so lange für nötig» gespeichert werden.

Eine rote Linie gebe es aber, ein absolutes Tabu, verspricht Facebook: Werbetreibende bekommen nur anonymisierte Angaben zu sehen, hinter denen sie keine konkreten Nutzer erkennen können. Der schleswig-holstenische Datenschützer Thilo Weichert, der für Schlagzeilen mit seinem Feldzug gegen den «Gefällt mir»-Button für Aufmerksamkeit gesorgt hatte, warnt vor dem Druck der Börse, die Daten noch stärker kommerziell zu nutzen. Im «Wiesbadener Kurier» (Mittwoch) warf Weichert Facebook abermals vor, gegen europäisches Datenschutzrecht zu verstoßen - weil gelöschte Daten auf Servern des Netzwerks blieben.



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