Thema des Tages
27.04.2012

Ukraine von Bombenexlosionen erschüttert

Er hat überlebt: Einer der Verletzten von Dnjepropetrowsk wird zum Krankenwagen gebracht. Foto: Nikolay Myakshykov

Kiew/Berlin (dpa) - Sechs Wochen vor Beginn der Fußball-EM hat eine Anschlagsserie mit vielen Verletzten die Ukraine erschüttert. Innerhalb kürzester Zeit detonierten vier Bomben an belebten Plätzen der Stadt Dnjepropetrowsk, aus der die inhaftierte Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko stammt.

Nach Angaben des Innenministeriums in Kiew wurden mindestens 29 Menschen verletzt, darunter 10 Kinder. Fünf der Opfer seien Schwerverletzte. Die Staatsanwaltschaft sprach von einem Terroranschlag. Die Europäische Fußball-Union UEFA und die örtlichen Behörden sehen die Sicherheit für die EM aber weiter gewährleistet. Das Auswärtige Amt änderte allerdings seine Reisehinweise und riet zu «besonderer Vorsicht» in dem Land.

Die Ukraine ist vom 8. Juni an zusammen mit Polen Gastgeber der Fußball-Europameisterschaft. Die Regierung in Kiew steht wegen des Umgangs mit Oppositionellen unter internationalem Druck. Vor allem die Behandlung der wegen Amtsmissbrauchs verurteilten und an einem Bandscheibenvorfall leidenden Timoschenko hat Proteststürme ausgelöst.

Eine Anschlagsserie wie in Dnjepropetrowsk hat es in den vergangenen Jahren in der Ukraine noch nicht gegeben. Als erstes explodierte an einer Straßenbahnhaltestelle ein Sprengkörper, der in einem Abfalleimer versteckt war. Kurz darauf ereigneten sich nach Angaben der Polizei mindestens drei weitere Explosionen, unter anderem am Bahnhof und nahe der Oper der 1,1 Millionen Einwohner zählenden Stadt. Augenzeugen berichteten im Internet von Panik und tumultartigen Szenen. Das Mobilfunknetz der viertgrößten Stadt der Ukraine brach zeitweise zusammen.

Ein fünfter Sprengsatz wurde laut Innenministerium entschärft. Hinweise auf die Täter gab es zunächst. Es habe weder Anschlagsdrohungen noch ein Bekennerschreiben gegeben, hieß es.

Die Bombenserie sei ein «Anschlag auf das ganze Land», sagte Präsident Viktor Janukowitsch. Er beauftragte den Geheimdienst SBU und das Innenministerium mit der sofortigen Untersuchung der Explosionen. «Wir werden die richtige Antwort geben», betonte der Staatschef. Innenminister Vitali Sachartschenko machte sich von Kiew auf den Weg nach Dnjepropetrowsk, das kein Austragungsort der Fußball-EM ist.

Die Europäische Fußball-Union UEFA sah zunächst keine unmittelbare Veranlassung zu neuen EM-Sicherheitsmaßnahmen.«Diese Ereignisse beeinträchtigen in keiner Weise das Vertrauen der UEFA in die von den ukrainischen Behörden geplanten Sicherheitsmaßnahmen für die UEFA EURO 2012, die ein heiteres Turnier ohne Zwischenfälle gewährleisten werden», hieß es am Freitag aus der Verbandszentrale im schweizerischen Nyon. Die Situation in der Ukraine werde aber «beobachtet».

UEFA-Präsident Michel Platini verteidigte die Vergabe der EM an die Ukraine. «Die EM nicht in Länder wie die Ukraine zu vergeben, weil nicht alles so gefestigt ist wie in westeuropäischen Demokratien? Das ist keine Lösung», sagte er der Tageszeitung «Die Welt» (Samstag). Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) warnte vor einer Instrumentalisierung des Sports. «Der Sport darf nicht zum Knüppel der Politik werden», sagte er der Nachrichtenagentur dpa. «Der Sport ist nicht in der Lage, für die Einhaltung und Umsetzung der Charta der Vereinten Nationen zu sorgen.»

Die Bundesregierung machte weiter Druck und forderte die ukrainische Führung zu schnellem Handeln im Fall Timoschenko auf. «Es kann hier kein Spiel auf Zeit geben von der ukrainischen Regierung», sagte Regierungssprecher Steffen Seibert mit Blick auf den Gesundheitszustand Timoschenkos. Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ weiter offen, ob sie zur Europameisterschaft in die Ukraine reisen werde. Auf NDR Info bekräftigte sie die Forderung nach einer Behandlung Timoschenkos in Deutschland. «Darum bemüht sich das Auswärtige Amt und darum bemüht sich auch das Kanzleramt.»

Die 51-jährige Timoschenko klagt darüber, dass sie in einer akuten Phase eines Bandscheibenvorfalls nicht behandelt worden sei. Bei dem erzwungenen Transport in eine Klinik außerhalb des Straflagers hat sie nach Angaben ihrer Anwälte zudem Blutergüsse an den Armen und am Bauch erlitten.



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