Überblick
08.03.2018

Mit Klaus Maria Brandauer ins finstere Verlies

Von Yuriko Wahl-Immel, dpa

Köln (dpa) - Eine Nacht in einem dunklen Kerker im spanischen Sevilla - mit Jesus, einem Kardinal-Großinquisitor und Klaus Maria Brandauer: Ausgerechnet der Kölner Dom bietet einem der größten kirchenkritischen Texte der Weltliteratur eine Bühne.

Mit einer Lesung aus dem Roman «Die Brüder Karamasow» von Fjodor Dostojewski. Der Theater- und Filmschauspieler Brandauer schlüpft dabei am Mittwochabend in die Rolle des «Großinquisitors».

Wer den 74-Jährigen gut verstehen kann - unter den schwierigen akustischen Bedingungen der Kölner Kathedrale sind das bei weitem nicht alle rund 2000 Zuhörer - folgt ihm in das fiese Verlies. Darin sitzt kein Geringerer als Jesus fest. Ganz «still und unauffällig» ist er im 16. Jahrhundert wieder zurückgekehrt, das Volk erkennt, umringt, verehrt ihn. Die Kirche fühlt sich dadurch mehr als gestört. Der Großinquisitor will ihn «als schlimmsten aller Ketzer» auf dem Scheiterhaufen brennen sehen.

Die ungewöhnliche Veranstaltung gehört zu den Höhepunkten des größten europäischen Literaturfestivals Lit.Cologne, das noch bis zum 17. März dauert. Brandauer, seit Jahrzehnten eine Institution auf Theaterbühnen wie auch im Film, liest den Text mit voller, sonorer Stimme. Eingehüllt in Jacke und Schal gibt er den greisen, fast 90 Jahre alten Inquisitor. Dessen Botschaft: Jesus habe vor 15 Jahrhunderten seine Chance gehabt und solle sich jetzt raushalten, so hallt es durch den Kölner Dom.

Die schwachen, kraftlosen, lasterhaften Menschen seien mit Freiheit und freier Entscheidung überfordert, hört das Publikum. Die Kirche habe übernommen und sich längst von Jesus losgesagt: «Wir sind nicht mit dir», liest der Österreicher aus dem Roman des russischen Dichters. Der Text ist fast 140 Jahre alt, enthält aber bis heute aktuelle Fragen rund um Wesen und Natur des Menschen, die Rolle von Glaube und Religion.

Brandauer ist Anfang der 1980er Jahre international bekannt geworden mit der oscargekrönten Klaus-Mann-Verfilmung «Mephisto». Auch nach 55 Jahren Bühnenerfahrung, trotz Wiener Burgtheater und Karriere in Hollywood - auf den Kölner Auftritt hat er sich offenbar umfassend vorbereitet. «Ich habe mir eigens Aufnahmen von Messen im Dom kommen lassen, um zu hören, wie die Priester im Dom sprechen», verrät er dem «Kölner Stadt-Anzeiger» vor der Lesung. Ihn sporne an, «dass der liebe Gott ja vielleicht doch hinter mir steht und mir über die Schulter schaut.»

Brandauers Ziel: «Mehr als gut sein. (...) Ich möchte Dostojewskis Großinquisitor denken. Und die Leute dabei mitnehmen.» Mission vollbracht? Nach der Veranstaltung klagen einige zwar, sie hätten schlecht hören können. Brandauers Darbietung sei aber «wunderbar und sehr beeindruckend» gewesen, findet etwa Kirsten Bresser. Die Kölnerin Sabine Kassner meint: «Der Vortrag war grandios. Eine faszinierende Stimme, die mich gepackt hat - so, als wäre ich selbst mit in diesem dunklen Verlies gewesen.»



Thema des Tages

Erdogan erklärt sich vor Auszählungsende zum Wahlsieger

Istanbul (dpa) - Trotz Manipulationsvorwürfen der Opposition hat sich der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan noch vor dem Ende der Auszählung zum Sieger der Präsidentenwahl erklärt. »weiter
Lesen Sie auch:
  • Weiter keine europäische Lösung im Asylstreit
  • Nach Kroos' Kunststück «durchs Turnier reiten»
  • Saudische Frauen feiern das Ende des Fahrverbots
  • Computer

    Barley: WhatsApp-Kommunikation in andere Dienste ermöglichen

    Berlin (dpa) - Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) will sich auf EU-Ebene dafür einsetzen, dass Verbraucher von WhatsApp aus auch mit Nutzern anderer Messenger-Dienste kommunizieren können. Beim Mobilfunk sei das schon möglich, sagte Barley der Deutschen Presse-Agentur. »weiter
    Lesen Sie auch:
  • Unterhalten mit Relevanz: Grimme Online Award verliehen
  • YouTube erlaubt Abo-Gebühren und Verkauf von Fanartikeln
  • Cyber-Angriffe: Telekom informiert Milionen Kunden monatlich


  • Wissenschaft

    Tropfender Wasserhahn: Rätsel um «Plopp»-Geräusch gelöst

    Cambridge (dpa) - Manchmal entsteht eine Idee für ein Forschungsprojekt in einer schlaflosen Nacht. Anurag Agarwal von der Universität Cambridge war zu Besuch bei einem Freund, dessen Hausdach undicht war. »weiter
    Lesen Sie auch:
  • Neue Leitlinien zur Behandlung von ADHS
  • Morgens wird eher analytisch getwittert, abends emotional
  • Steigender Meeresspiegel bedroht Statuen auf der Osterinsel
  • Börse
    DAX
    Chart
    DAX 12.508,50 -0,57%
    TecDAX 2.784,25 -0,53%
    EUR/USD 1,1656 -0,06%

    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation