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01.08.2012

Wladimir Kaminer zwischen Erdbeeren und Ameisen

Von Miriam Schmidt, dpa

Wladimir Kaminer in Berlin im Schrebergarten eines Freundes. Foto: Florian Schuh

Berlin (dpa) - Das rostige Metalltor schwingt quietschend auf und öffnet den Weg in eine andere Welt. Vögel zwitschern, rechts und links wächst, grünt und blüht es.

Menschen sitzen in den Gartenparzellen in ihren Liegestühlen oder arbeiten in den Blumen- und Gemüsebeeten. Nur wenige hundert Meter entfernt hupen Autos und es staut sich der Verkehr. Das scheint von diesem Ort weit weg. Vier Jahre lang hatte der Schriftsteller Wladimir Kaminer («Russendisko») mit seiner Frau Olga hier einen Kleingarten gepachtet, mitten in Berlin.

Vor einiger Zeit gab seine Familie den Kleingarten auf. «Wir hatten Probleme mit spontaner Vegetation», sagt der 45 Jahre alte Kaminer. Seine grünen Augen blitzen. «Mir gefällt dieser Ausdruck sehr.» Jetzt wird im Landgarten am See in Brandenburg gegärtnert. «Der ist zehnmal größer als ein Schrebergarten und passt viel mehr in die Natur.» So oft es geht, fährt Kaminer dorthin und pflanzt neue Bäume. «Unser Garten wird, glaube ich, irgendwann mal ein Wald», sagt er. «Aber wir machen uns keine große Mühe. Wir gießen nur, das ist sehr wichtig, und wir versuchen, Pflanzen vor Ameisen zu retten.»

Kaminers Lieblingspflanzen wechseln oft - zuletzt war es der Aronstab. Doch die Begeisterung dafür hielt nicht lange. «Ich habe, zugegeben, ziemlich viele gekauft davon, gleich ein Dutzend, und die sind bei mir alle eingegangen im Garten», erzählt er. Danach kaufte er zwei Winterkirschen, die schon Früchte tragen. «Aber die kann man nicht essen», sagt Kaminer. «Die kann man sich eigentlich gar nicht richtig ansehen, ohne Mitleid zu bekommen.»

Der Schriftsteller, der seit mehr als 20 Jahren in Berlin lebt, ist gerade zu Besuch im Schrebergarten eines Freundes in seiner ehemaligen Kleingartenkolonie. Er trägt Flip-Flops, Shorts und T-Shirt. Kaminer sitzt auf einem Holzklappstuhl, die Beine übereinandergeschlagen. Um ihn herum wachsen Rosen und Erdbeeren, er isst die roten Früchte direkt vom Strauch.

«Für mich sind diese Garten-Ausflüge im Grunde genommen wichtig, um wieder das Gleichgewicht zu finden», berichtet er. «In der Großstadt vergisst man sich selbst sehr schnell. Erst in der Stille findet man sich wieder als etwas total Unwichtiges, Kleines. Und diese Verkleinerung macht einen Menschen freier.»

Im neuen Landgarten hat jedes Familienmitglied sein eigenes Gewächs, der 13 Jahre alte Sohn entschied sich für Meerrettich. Kaminers Frau ist begeisterte Gärtnerin und gießt die Pflanzen. «Die Männer, die projektieren nur, sie entwerfen, sie träumen. Männer sind Visionäre, die Frauen sind die Macherinnen im Garten», stellt Kaminer fest.

Während Kaminers Kindheit hatte seine Familie keinen Garten. «Ich war überhaupt nicht in der Natur, ich war ein Großstadtkind. In einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung, Mama, Papa, Kind, Katze, da war nichts mit Garten», erzählt der in Moskau geborene Künstler. «Nur einmal im Jahr wurden wir als Studenten zu den Kartoffelfeldern geschickt, wo wir die landwirtschaftliche Hilfe leisteten.»

Auf sein Buch «Mein Leben im Schrebergarten» wird Kaminer noch immer häufig angesprochen und zu Gartenkongressen eingeladen. Es erschien 2007 und erzählt von seiner Zeit bei den Berliner Laubenpiepern. Momentan arbeitet der Schriftsteller an einem neuen Werk. Es soll im nächsten Jahr erscheinen und handelt auch von Gärten. Seine These: «Alles ist Garten. Jede Straße ist ein verhinderter Garten, ein asphaltierter, ein nicht zustande gekommener Garten.» Dieses Thema erscheine ihm zur Zeit unendlich. Ich stecke in Kapitel vier, und ganz egal, was ich schreibe, es passt immer zum Thema Garten.»

Die Lust der Deutschen aufs Gärtnern hängt für Kaminer mit der Suche nach einem Lebensprojekt zusammen. «Man will doch etwas aus seinem Leben machen, etwas Schönes, etwas Nützliches.» Ein Garten biete die Chance, beides zu verbinden. «Es passt wunderbar zu einer Vision über ein besseres, gesünderes Leben, ein Leben an der frischen Luft, in der Natur.»



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