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11.05.2012

Euphorie und Schwermut: Dreimal neuer Indie-Folkrock

Von Werner Herpell, dpa

Isländer im Wald: Of Monsters And Men. Foto: Anthony Bacigalupo

Berlin (dpa) - Die Grammy-Gewinner Arcade Fire haben einen sehr typischen Sound hoffähig gemacht - orchestraler Indie-Rock, der Euphorie und Schwermut zu mitreißenden Hymnen verbindet. Drei Bands aus Island, Kanada und Deutschland haben gut zugehört - aber eben nicht schnöde abgekupfert.

Den sensationellsten Erfolg der allesamt Ende April in Deutschland erschienenen Alben hat «My Head Is An Animal» (Universal) vom isländischen Sextett Of Monsters And Men. Auf Anhieb Platz 6 in den amerikanischen Verkaufs-Charts und Platz 4 in den deutschen - das ist nicht nur mit der Unterstützung durch ein internationales Label zu erklären.

Parallelen zum strahlenden Arcade-Fire-Sound finden sich zuhauf in den zwölf OMAM-Songs: ausgelassene Boy/Girl-Wechsel- und Harmoniegesänge, Männerchöre, Stakkato-Klavier, wildes Getrommel und Handclaps, zugängliche Folkrock-Melodien mit ansteckenden «Hey!»-Ausrufen, hier und da ein walzerndes Akkordeon. Kommt uns alles nicht ganz unbekannt vor, ist aber trotzdem immer wieder schön.

Zwar sagte Sängerin Nanna Bryndis Hilmarsdottir im Interview der Nachrichtenagentur dpa in Berlin: «Man will und darf einfach nicht kopieren, was andere machen» - aber Inspirationen vom aktuellen Neo-Folk-Boom nehmen Of Monsters And Men selbstverständlich gern auf. Mit der Single «Little Talks» hatten sie ihren ersten Hit - das OMAM-Debütalbum nutzt diese Welle mit viel jugendlichem Elan.

Nicht zuletzt haben die sechs Isländer jede Menge gute Melodie-Einfälle, die das Zuhören und Mitsingen so vergnüglich machen. Auch Balladen («Love Love Love») können sie, schwermütige Momente wie im dramatisch anschwellenden «Yellow Light» sind ihnen nicht fremd. Was auch am Wetter in ihrer nordeuropäischen Heimat liegen mag: «Das Klima hat bestimmt Einfluss auf unsere Musik», sagt Nanna. «Wir haben zwei Songs im Winter geschrieben, und das hört man.»

Während Of Monsters And Men ein weiterer Beweis für die vitale Popszene im Land der Geysire und Trolle sind, steht die fünfköpfige Band Hey Rosetta! für frischen Indierock aus Kanada im Sog der Landsleute Arcade Fire. Oft hymnisch und meist schwungvoll geht es auch auf ihrem Deutschland-Debüt «Seeds» (Unter Schafen/Alive) zu.

Die Band um Tim Baker hat ein Mini-Orchester im Rücken, das den Sound schon im Titelsong gewaltig aufpumpt. Auch nach diesem eindrucksvollen Opener sind es kernige Streicher- und Bläserarrangements, die Hey Rosetta! wie jüngere Geschwister der stilbildenden Grammy-Band aus Montreal klingen lassen.

Produzent Tony Doogan (Belle And Sebastian, Mogwai) hat ganze Arbeit geleistet, um ein episches Klangbild zwischen Introvertiertheit und Überwältigung zu erschaffen. Und Bakers dramatisch-melancholische Stimme (besonders hinreißend im Album-Highlight «Young Glass») gehört schon jetzt zu den erfreulichsten Entdeckungen dieses Indiepop-Jahrgangs.

Um anspruchsvollen Breitwand-Folkrock zu entdecken, muss man nicht unbedingt nach Island oder Kanada schauen. In Dresden hat sich das Quintett Garda zur ernstzunehmenden Alternative entwickelt. Auf ihrem zweiten Album «A Heart Of A Pro» (K&F/Broken Silence) macht die Band um Songwriter Kai Lehmann alles richtig: Komplexe Arrangements, schöne Melodien, eine sehnsüchtige Stimme (Conor Oberst lässt grüßen) und gelegentlich ein Quentchen Größenwahn.

So erinnern auch Garda ein wenig an Arcade Fire, aber Bright Eyes oder Radiohead haben ebenfalls Spuren in ihrem Sound hinterlassen. Und wie bei Of Monsters And Men und Hey Rosetta! hat man nie den Eindruck, hier den epigonalen Übungen einer Provinzband beizuwohnen.

Im Gegenteil: Dieser oft mit wehmütiger Lapsteel, Cello und Bläsern garnierte Klavier- und Gitarrenpop atmet ein Weite, die an Sachsens Grenzen nicht Halt macht. Spätestens mit dem hochintensiven «00:00» zum Abschluss eines sehr gelungenen Albums muss man Garda zu den talentiertesten deutschen Indie-Bands zählen.



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