Album der Woche
04.04.2012

Birdy auf Höhenflug

Von Wolfgang Marx, dpa

Ziemlich jung und ziemlich erfolgreich: Birdy. Foto: WMG

Berlin (dpa) - Das war schon ein starker Auftritt, den Birdy kürzlich in der US-Talkshow von Ellen DeGeneres hinlegte. Anders als Lana Del Rey, die ihre Performance in der Show «Saturday Night Live» gründlich verpatzte und dafür mit reichlich Häme bedacht wurde, wusste Birdy die Gunst der Stunde zu nutzen.

Berührend und einfühlsam war ihre Coverversion des Bon-Iver-Songs «Skinny Love», den sie ganz allein am Piano sitzend einem Millionenpublikum präsentierte. Damit dürfte sie in den USA nicht mehr nur in Ellen DeGeneres einen ganz großen Fan gefunden haben.

Dabei ist die britische Newcomerin, die schon in Europa für reichlich Furore gesorgt hat, gerade mal 15 Jahre alt. Schnell raunte man sich «Wunderkind» zu - das ist natürlich viel zu hoch gegriffen, aber mit ihrer für ihr Alter ziemlich reifen Stimme und ihrem Können am Klavier ist Jasmin Van den Bogaerde, die alle schon immer Birdy nannten, weil sie als Kleinkind beim Füttern das Schnäbelchen immer weit aufriss, schon etwas ganz Besonderes.

Jetzt liegt ihr selbstbetiteltes Debütalbum vor, das auf den ersten Blick eigentlich nicht viel Eigenes hat. Bis auf eine Eigenkomposition («Without A Word»), die für die Zukunft zumindest hoffen lässt, hat sich Birdy komplett auf Coverversionen konzentriert. Die aber haben es in sich.

«Skinny Love» deutet schon an, wohin die Reise geht. Justin Vernon, der hinter Bon Iver steht, ist ein bärtiger Mann aus der Einsamkeit der Wälder, der mit an der Spitze einer ganzen Schar neuer Folkies steht. Das mag nicht unbedingt die Welt von Birdy sein, was sie aber aus dem Song macht, könnte man mit engelsgleich und himmlisch beschreiben - selbst Bon-Iver-Fans dürfte ihre Interpretation nicht missfallen. Stimme und Piano - mehr braucht Birdy nicht, um zu berühren.

Nicht alle Songs, denen sich Birdy mit Ehrfurcht, Staunen, Einfühlungsvermögen und Respekt nähert, sind auf ihrem Debüt so karg gehalten: Etwas rhythmischer geht es bei «White Winter Hymnal» von den Fleet Foxes zu, die auch zur «Beardo»-Fraktion gehören. Birdy macht eine hymnische Ballade daraus. Bei dem Knaller «Young Blood» von The Naked and Famous verschleift sie das Tempo und karrt den Song von der Mitte an den Rand der Tanzfläche. Zauberhaft. Dabei mochte sie das Lied anfangs nicht, das ihr mit der Zeit aber schließlich doch ans Herz gewachsen sei, meint Birdy laut ihrer Plattenfirma Warner.

Die Auswahl der Songs ist außergewöhnlich: Dabei sind Phoenix, The XX, James Taylor (den ihr Vater sehr mag) oder auch die New Yorker Melancholiker The National, bei denen sich Birdy «Terrible Love» ausgeliehen hat, einer ihrer Lieblingssong. Anfangs war die 15-Jährige allerdings skeptisch: «Als ich anfing, ihn zu spielen, dachte ich: "Ich glaube nicht, dass die Leute es mögen werden".» Ihre Bedenken sind unbegründet.

Und ihr Musikgeschmack ausgezeichnet: Die Songs seien eigene Vorschläge und Anregungen der Plattenfirma gewesen, meint Birdy, die ganz offenkundig auf die Vertreter einer eher leiseren und verhalteneren Art des Musizierens steht. Alles gerinnt zur Ballade, alles richtig gemacht.



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