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29.06.2012

Helle Haut gewünscht: «Schneewittchenwahn» in Indien

Von Sunrita Sen, dpa

Rieisige Werbeposter für Hautaufhellung in Neu Delhi, Indien. Foto: Sunrita Sen

Neu Delhi (dpa) - «Ein Mädchen - und dunkel!» Vielen Indern ist dies Wehklagen älterer Tanten oder Schwiegermütter über ein dunkelhäutiges Kind in der Familie nur zu lebhaft in Erinnerung.

Helle Haut ist für eine große Mehrheit der Bevölkerung ein Muss, ein dunkler Teint hingegen gilt als schlimmes Schicksal. «Wir sind alle in einer Gesellschaft aufgewachsen, wo Hellhäutigkeit mit Schönheit gleichgestellt wird», sagt die Inderin Sonia.

Sie führt einen gut gehenden Kosmetiksalon in einem Vorort von Neu Delhi. Nur wenige Kundinnen sind mit ihrem Hautton zufrieden. Mindestens zwei Nuancen heller wollen sie aussehen, erzählt Sonia. «Ich kann es ihnen nicht verübeln», meint sie. «Wo man hinsieht, Filmstars, Models - die meisten unserer Beauty-Vorbilder haben helle Haut.»

Die Fernsehwerbung ist voll von Kosmetik- und Pflegeprodukten, die hellere Haut, und damit Chancen auf einen besseren Partner, eine bessere Karriere, kurzum ein besseres Leben versprechen. «Fair and Lovely» (auf deutsch etwa: «Hell und Hübsch»), eine Produktreihe von Hindustan Unilever, ist in Indien so bekannt wie Nivea-Creme in Deutschland. Seit 1978 verspricht die Marke strahlend weißen Teint. Dutzende andere Pflegeserien, hergestellt von indischen oder internationalen Konzernen wie L'Oreal oder Avon buhlen um Kundinnen (und zunehmend auch Kunden) auf dem etwa 450 Millionen Dollar schweren Markt für den blassen Teint. Etwa 15 bis 20 Prozent soll der Markt pro Jahr wachsen.

Die pensionierte Lehrerin Sharmila Roy benutzt seit mehr als 30 Jahren «Fair and Lovely». Ob ihre Haut heller geworden ist? «Nicht wirklich», lacht sie. Aber es sei eine gute Hautcreme. «Werbung ist ein Spiegel der Gesellschaft», meint Alan Collaco, Generalsekretär des indischen Werberates. Doch Werbekampagnen, die Frauen mit blassem Teint bessere Aussichten auf Jobs oder Ehemänner vorgaukeln, seien «lächerlich». Viele wurden nach Beschwerden zurückgezogen. In einem mittlerweile gestoppten Spot versucht eine Frau vergeblich, die Aufmerksamkeit ihres Partners zu erregen. Dann verwendet sie eine Creme, die auch die Haut ihrer Scheide aufhellt - und schon schließt er sie wieder in den Arm.

In Indien verstärken mehrere Faktoren den hohen Status eines lichten Teints, erklärt der Soziologe Janaki Abraham. Im alten Kastensystem wurden helle Haut mit der hochgestellten Brahmanen-Kaste assoziiert. Blässe werde daher immer noch mit einem höheren gesellschaftlichen Status und Macht verbunden, erklärt Abraham. Dieses Vorurteil wurde durch die englischen Kolonialherrschaft noch verstärkt.

Der Vergleich des blassen asiatischen Schönheitsideals mit dem westlichen Wunsch nach einem gebräunten Körper hinkt für Abrahams. Es sei «viel heimtückischer und gefährlicher» habe auch mit Rassismus zu tun, sagt der Wissenschaftler. «Hautfarbe hat reale Konsequenzen in Indien». Es gebe Fälle, wo ein dunkelhäutige Kinder weniger Essen, weniger Kleidung oder Spielzeug bekommen als ihre blassen Geschwister.

Der Weißheitswahn birgt auch gesundheitliche Risiken, erklärt die prominente Hautärztin Rashmi Sarkar. Die meisten Produkte seien relativ harmlos und wirken wie Sonnencremes, aber Gefahren lauern in Produkten, die die Haut depigmentieren. «Diese Mittel sind ohne Rezept leicht erhältlich und wenn sie ohne ärztliche Aufsicht verwendet werden, kann das zu Problemen führen», so Sarkar. Sie fordert bessere Information für Konsumentinnen über die Gefahren. Schönheit definiere sich nicht über Hautfarbe, warnt die Ärztin.



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    Quelle: Deutsche Bank / Realtime Indikation