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16.04.2016

«Die Zehn Gebote» in Kiel uraufgeführt

Von Matthias Hoenig, dpa

Kiel (dpa) - Wie tief kann der Mensch ohne ethische Richtschnur fallen? Bodenlos. Er kann zur grausamen Bestie werden, wie die ebenso bewegende wie verstörende Doppel-Uraufführung «Die Zehn Gebote» im Kieler Schauspielhaus zeigte. Aber am Ende keimt doch Hoffnung.

Den ersten Teil siedelte das Autorenduo Feridun Zaimoglu und Günter Senkel im belagerten Leningrad im Zweiten Weltkrieg an. Mehr als eine Million Menschen starben damals, Adolf Hitler ließ die Stadt bewusst aushungern, selbst die Kapitulation wurde nicht angenommen.

In diesem Inferno der Belagerung, das sogar die Ratten verlassen haben, ist jede Menschlichkeit verloren gegangen - Werte gelten nicht mehr. NS-Wahn, Kadavergehorsam auf deutscher Seite, aber auch auf russischer Seite gibt es Versagen und Schuld: Ein russischer Priester tötet als Scharfschütze die Feinde und beruft sich dabei auf Gott. Die deutschen Personen sind namenlos, benannt nur nach ihren Funktionen. Die erniedrigende wie entmenschlichte Szene mit der Köchin, die von einem Hauptmann zum Knien aufgefordert und grundlos erschossen wird, raubt dem Zuschauer den Atem.

Wenn man Gott zum Teufel jage, entstehe eine Leerstelle, sagte Zaimoglu vor der Premiere im dpa-Interview: «Wir wollten Orte der Gottlosigkeit finden beziehungsweise Gottlosigkeit veranschaulichen, darum ging es uns!» Und so dekliniert er die zehn Gebote in zehn Szenen durch. Es geht um Ehebruch, ums Stehlen, um die Ideologie, die an die Stelle Gottes tritt. Und um das Versagen, sich um den Mitmenschen zu kümmern, so den Großvater, der im Rollstuhl langsam vor der Bühne von links nach rechts fährt, fast wie ein Zuschauer, und, die Situation nicht mehr ertragend, erschossen werden will.

Am Ende kommt es zum Duell zwischen dem russischen Priester und dem gefangen genommenen Hauptmann. Sie wagen mit einer Patrone in einer Pistole Russisches Roulette - Gott solle entscheiden, wer überlebt. Niemand stirbt. Doch mit der letzten Kugel will der Deutsche den Russen erschießen, aber dieser hatte die Waffe nur mit einer Platzpatrone geladen. Und er zieht eine zweite Pistole und erschießt den Deutschen.

Die düstere Hoffnungslosigkeit des ersten Teils wird dann aufgebrochen im zweiten Stück zu den zehn Geboten. Der israelische Dramatiker Shlomo Moskowitz lässt seine Adaption vor dem Hintergrund des Libanonkriegs von 1982 spielen: Adam, Brigadegeneral einer israelischen Panzereinheit, erlebt bei der Belagerung einer Stadt eine Epiphanie (Erscheinung): Eine Eselin - sie ist letztlich das eigene Gewissen - lässt Adam zweifeln am eigenen Handeln. Er will eine Stadt nicht einnehmen, weil es viele Soldaten und Zivilisten das Leben kosten würde.

Es gab tatsächlich einen israelischen Oberst, Eli Geva, der mit 32 Jahren jüngster Brigadekommandant in der Geschichte der israelischen Armee war und 1982 im Libanonkrieg entsprechend handelte. Er wollte nicht in die Situation kommen, Beirut einnehmen zu müssen und bot seinen Rücktritt an. In Gesprächen versuchten sein Vorgesetzter, General Raphael Eitan, Verteidigungsminister Ariel Sharon und Premierminister Menachem Begin ihn umzustimmen - vergeblich.

Moskowitz zeichnet brutal die Kritik des israelischen Establishments an Adam nach, der als schlüpfriger Moralist und Romantiker die Lehren der Vergangenheit vergessen habe. «Die Welt kann uns mal», wird ihm entgegengehalten. Nach dem Holocaust würden sich die Juden nie wieder wie Lämmer zur Schlachtbank führen lassen. Er wird verhöhnt als «Gutmensch», «Superstar unter den Weicheiern» und ihm wird Befehlsverweigerung vorgehalten. «Man muss seinem eigenen Gewissen folgen», erwidert Adam.

Zuvor hatte ihm die Eselin Salem Aleikum klar gemacht: «Du weißt genau, dass dieser Krieg schon lange kein Verteidigungskrieg mehr ist, (...) dass du mit den Ketten deines Panzers das Leben tausender überrollst». Und Adam zweifelnd: «Sei still, was willst du von mir?» Die Eselin: «Dass du ein Mensch wirst». Man könne nicht die Welt verbessern, sondern nur sich selbst.

Moskowitz zeichnet eine Parabel der Selbstzweifel der israelischen Gesellschaft, die in ihren Kriegen selber schuldig wird. Und er zeigt dabei eine Entwicklung an Adam, der vom Protagonisten der offiziellen Lehre zum Zweifler wird und selbstverantwortet handeln will. Auch Moskowitz baut seine Szenen auf anhand der zehn Gebote, die auch im Judentum gelten.

Auf die Frage, ob die zehn Gebote als ethische Handlungsrichtschnur auch eine Konstitution der Freiheit des Menschen seien, antwortete Zaimoglu: «Das ist großartig gesagt.»

Das Bühnenbild (Lars Peter) beider Inszenierungen ist ähnlich. Gespielt wird auf einer schiefen Ebene. In Leningrad ist sie bedeckt mit schwarzem Kies, der wie Erde oder Schlacke wirkt, Tod und Hoffnungslosigkeit sind allgegenwärtig. Adam tritt nackt auf die Bühne, die jetzt keinerlei Kies mehr hat, sondern hellen Boden. Die Regisseure (Annette Pullen und Dedi Baron) haben einen teils düsteren, teils kammerspielartigen, aber auch mal burlesken Wahnsinn inszeniert - mit durchweg überzeugenden Schauspielern, die expressiv mit Sprache und Körperspiel Inhumanität und Sehnsucht nach Liebe zugleich ausdrücken.

Zum Schluss kamen mit den Ensembles auch die Autoren und die Regie-Teams auf die Bühne, um sich beim Publikum für den nach Momenten der Stille zu Ovationen steigernden Applaus zu bedanken.



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    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation