Aktuell
15.04.2016

Das Ruhmesbarometer der Kunst sucht eine neue Heimat

Von Christoph Driessen, dpa

Köln (dpa) - «Was ist denn hier drin?», fragt sich Linde Rohr-Bongard und öffnet einen alten Karton. «Ach, die Bilder mit Sigmar!» Die Schachtel ist randgefüllt mit Fotos, die immer wieder den gleichen dicken Mann zeigen.

Mal wirft er eine Pizza in die Luft, mal wirbelt er mit einem großen Stück Stoff herum, mal lässt er sich mit einem Zollstock vermessen. Und egal was passiert, immer lacht er. «Achja, er war einer der humorvollsten Menschen, die ich je kennengelernt habe, der Sigmar», seufzt Rohr-Bongard. «Der Sigmar» hieß mit Nachnamen Polke, war ein Maler von Weltrang und galt als äußerst verschlossen. Was aber nicht für «die Heidelinde» galt, wie er Rohr-Bongard anzusprechen pflegte.

Die 70 Jahre alte Kölnerin, die immerzu Geschichten aus der Kunstwelt erzählt, ist keine Galeristin, keine Kuratorin, keine Sammlerin, keine Kritikerin. Sie ist einfach «der Kompass.» Wenn sie ein Atelier oder eine Galerie betritt, dann fällt oft der Satz: «Ach guck mal, da kommt der Kompass!» Seit nahezu einem halben Jahrhundert erstellt sie das einflussreichste in Deutschland erscheinende Kunstranking - den Kunstkompass. Wie in einer Bundesliga-Tabelle ist dort aufgelistet, wer zurzeit die Nummer 1 ist, wer auf den weiteren Plätzen folgt, wer aufgestiegen ist und wer abstiegsgefährdet. Dabei ist die Tabelle nicht auf Deutschland beschränkt, sondern international. An der Spitze steht seit zwölf Jahren Gerhard Richter, und dies mittlerweile mit so großem Abstand, dass ihm die Position auch dieses Jahr niemand streitig machen kann.

Natürlich ist ein solches Ruhmesbarometer umstritten. Regelmäßig beschweren sich Künstler bitterlich darüber, dass sie doch eigentlich höher stehen müssten. «Auch Georg Baselitz hat hier schon angerufen und mir gesagt "Sie machen das nicht richtig!"», erzählt Linde Rohr-Bongard. 

Beeinflussen lasse sie sich aber nicht, beteuert die ehemalige Kunstpädagogin. Es gehe ja auch nicht um ihre persönliche Meinung. Die Kompassnadel wird nach einem ausgetüftelten System ausgerichtet: Berücksichtigt und jeweils mit einer bestimmten Punktezahl bewertet werden Einzelausstellungen in rund 300 bedeutenden Museen weltweit, die Teilnahme an wichtigen Gruppenausstellungen, Rezensionen in Fachmagazinen und Auszeichnungen. Preise und Auktionsrekorde schlagen sich nicht nieder.

Erfunden wurde der Kunstkompass 1970 von Lindes Mann, dem Journalisten Willi Bongard. «Erst haben wir uns deshalb unglaublich gefetzt», erzählt sie. «Ich fand ein solches Ranking skandalös. Künstler sind schließlich keine Rennpferde.» Doch dann habe er sie mit dem Argument überzeugt, der Kompass mache den undurchsichtigen Kunstmarkt transparenter. Nach dem Unfalltod ihres Mannes 1985 sei es dann Joseph Beuys gewesen, der zu ihr gesagt habe: «Du musst das jetzt machen. Wer denn sonst? Das bist du Willi schuldig.»

Im Laufe der Jahre wuchs ihr privates Archiv für die Kompass-Recherchen immer weiter an. Der Großteil davon liegt inzwischen im Research Center des Getty-Museums in Los Angeles. Reste finden sich aber auch noch in ihrer Garage und im Keller. Über eine finstere Treppe gelangt man dorthin. Wo andere Leute Rasenmäher oder Werkzeug deponieren, türmen sich bei ihr Kunstbände und Aktenordner. Mittlerweile wird der Kompass am Computer erstellt.

Viele Jahre erschien die Rangliste im Wirtschaftsmagazin «Capital» und im «Manager-Magazin», 2015 dann in der Zeitschrift «Weltkunst» aus dem «Zeit»-Kunstverlag. Dieses Jahr wird der Kompass dort aber nicht mehr veröffentlicht, auch wenn die Zusammenarbeit «für beide Seiten ein Erfolg» gewesen sei, wie eine Verlagssprecherin betont. Aber das Thema Ranking habe für die «Weltkunst» aktuell an Bedeutung verloren.

Bis zum Herbst, wenn der Kunstkompass 2016 fertig wird, sucht Rohr-Bongard nun einen neuen Partner. «Ich halte Ausschau nach einem geeigneten Medium», sagt sie. «Vielleicht ein großes Magazin oder ein Fernsehsender, ich bin da offen.» Finanziert wird der Kompass vor allem über Kunsteditionen, die Rohr-Bongard jedes Jahr herausgibt. Für diese limitierten Serien hat sie in der Vergangenheit Künstler wie Baselitz, Polke, Rosemarie Trockel oder Günther Uecker gewonnen. Dass ihr das gelungen ist, führt sie darauf zurück, dass sie selbst Künstlerin ist. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich zum Beispiel ein Journalist in all diese hochkomplizierten Künstlerpersönlichkeiten einfühlen könnte.»  

Würde der Kompass künftig nicht mehr erscheinen, würde das manch einen wohl freuen. «Man zieht sich mit dieser Arbeit auch 'ne Menge Hass zu», hat sie festgestellt. Kaum eine Branche ist so sehr von Eitelkeit und Eifersucht geprägt wie der Kunstbetrieb. Aber viele würden den Kompass auch vermissen. Denn bei einer Sache ist sie sich absolut sicher: «Heimlich hofft natürlich jeder, dass er irgendwann auch mal die Nr. 1 wird.»



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    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation