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05.11.2015

Wiederentdeckt: Agnes Martins Bilder der Ruhe und Stille

Von Dorothea Hülsmeier, dpa

Düsseldorf (dpa) - Die zarten Streifen- und Gitterbilder von Agnes Martin sind in den Sammlungen der großen Museen vertreten und werden für Millionen gehandelt.

Doch die kanadisch-US-amerikanische Künstlerin (1912-2004) erlangte nie die öffentliche Aufmerksamkeit wie ihre männlichen Künstlerkollegen Mark Rothko, Ellsworth Kelly oder Robert Rauschenberg.

Dabei lebte auch Martin in den 50er Jahren inmitten der legendären Künstlerszene New Yorks in einer heruntergekommenen Hafengegend und wurde von Galerien und Künstlern sehr geschätzt. In der Kunstgeschichte hatte sie aber bisher nur einen Randplatz.

Das mag daran liegen, dass die in der kanadischen Prärie geborene Martin eine selbstbestimmte Frau war und sich immer wieder dem New Yorker Kunstbetrieb entzog. 1967 stieg Martin ganz aus und zog sich in die Wüste New Mexicos zurück, um 1972 als gereifte Malerin wieder die Bühne zu betreten.

Nun wollen vier renommierte Museen in Europa und den USA Martin wieder in die Mitte der Geschichte der abstrakten Kunst in den USA rücken. Nach der Londoner Tate macht die Retrospektive «Agnes Martin» in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (7. November bis 6. März 2016) Station. Dann reist die Schau weiter nach Los Angeles und ins New Yorker Guggenheim Museum. Die Kunstsammlung NRW hatte 2011 eines der Streifenbilder Martins nach einem Fundraising ankaufen können.

Martin habe zwar schon früh viel Bewunderung ihrer Künstlerkollegen und von Galeristen gefunden, sagt Kunstsammlungschefin Marion Ackermann. «Auf der anderen Seite ist sie heute einem breiten Publikum als Name nicht wirklich bekannt.»

Anders als die expressiv großen Gesten, die etwa ein Jackson Pollock pflegte, erschließt sich das Werk Martins erst auf den zweiten Blick, so zart und transparent sind die Farben, so fein die mit Graphitstift und nur mit Hilfe eines kurzen Lineals oder gespannter Fäden gezogenen Linien auf den großformatigen Leinwänden. «Das Werk kann man nur erfahren, wenn man sich ganz, ganz viel Zeit nimmt, um die Subtilität zu erkennen», sagt Ackermann.

Und die Kuratorin Maria Müller-Schareck empfiehlt, sich «erst einmal fünf Minuten hinzusetzen» und das stille, aber starke Werk auf sich wirken zu lassen. Und tatsächlich, bei längerem Betrachten scheinen die Linien zu vibrieren, Farben kommen zum Vorschein, die Augen beginnen auf den Gittern aus mit Farbe betupften Rechtecken zu wandern. Eine «hypnotisierende Spannung» schrieb ein Kritiker Martins Bildern einmal zu.

Der Betrachter müsse mit seinem eigenen Geist auf die Kunst antworten und «sich selbst vergessen», forderte Martin. Viele frühe Werke zerstörte sie aus Unzufriedenheit. Ein Glück ist der Erhalt eines Selbstporträts aus dem Jahr 1947. Ein Höhepunkt ist der zwölfteilige Zyklus «Islands» aus dem Jahr 1979 - in einer langen Reihe hängen die fast weißen feinen Streifenbilder.

Agnes Martin war eine schwierige Künstlerpersönlichkeit, sie gab von sich nie viel preis. Nur wenige Freunde wussten von ihrer Homosexualität und ihrem Leiden an Schizophrenie. Die Kunstsammlung setzt sich nun wie einige andere große Museen dafür ein, den oft von Männern dominierten Kunstkanon zu korrigieren. Wenn eine Künstlerin erst einmal der starken Rezeption entzogen sei, sei es «schwer, das wieder zu korrigieren», sagt Ackermann.

Martin ist nicht die einzige Wiederentdeckung einer bisher zu wenig wahrgenommenen Künstlerin des amerikanischen abstrakten Expressionismus. Das Museum Ludwig in Köln widmet vom 14. November 2015 bis 21. Februar 2016 der Amerikanerin Joan Mitchell (1925-1992) eine Ausstellung. Mitchell arbeitete zeitgleich mit ihren männlichen Malerkollegen Pollock und Willem de Kooning. Sie teilt das Schicksal Martins: Auch Mitchell steht irgendwie am Rand der Kunstgeschichte.



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