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13.10.2015

Unmoralische Kunst: Lüsterne Mönche, stehlende Huren

Von Annette Birschel, dpa

Rotterdam (dpa) - «Wenn du dies nicht ungeöffnet lässt hangen, dann siehst du meine braune Wangen.» 

Frei übersetzt ist das die unmissverständliche Warnung vor einem Bild, ähnlich wie die Nachrichten auf Zigarettenpackungen heute. Nur hatte dies ein unbekannter süd-niederländischer Maler vor knapp 500 Jahren auf sein Bild geschrieben.  

Für zartbesaitete Seelen ist das auf Holz gemalte Bild tatsächlich nichts. Wer den Deckel öffnet, sieht einen nackten bräunlichen Hintern mit dicken Pusteln und zwischen den Po-Backen eine Distel. Auf dem gegenüberliegenden Holzstück streckt ein lachender Mann die Zunge heraus. Nach dem Motto: Ich hab dich doch gewarnt.

Rund 80 alles andere als heilige Spitzenwerke des 16. Jahrhunderts zeigt das Rotterdamer Museum Boijmans van Beuningen: «Die Entdeckung des alltäglichen Lebens - Von Bosch bis Bruegel». 

Bei Malerei im 16. Jahrhundert denkt man unwillkürlich an ernsthafte Porträts mächtiger Fürsten oder frommer Bischöfe sowie an Szenen aus der Bibel. Doch um 1500 fanden Maler eine neue Inspirationsquelle: Den Alltag. Statt Bibel wählten sie Bordelle als Motiv. Oder Bauern. Und die stellten sie nicht romantisch, sondern bissig dar. «Es sind politisch inkorrekte Werke auf höchstem Niveau», erläuterte der Konservator des Museums, Peter van der Coelen.   

Auf den rund 80 Gemälden, Stichen und Drucken in Rotterdam sieht man stehlende Huren, saufende Bauern, geldgierige Steuereintreiber, lüsterne Mönche. Knallhart und schonungslos spießten die flämischen und niederländischen Maler jener Zeit das Leben ihrer Zeitgenossen auf. Doch ihnen ging es weniger um die Moral oder Gesellschaftskritik, sagte van der Coelen. «Spott und Humor standen im Vordergrund.»  

Bei dieser Ausstellung kann man kaum andächtig und ehrfurchtsvoll vor den Exponaten stehen. Besucher müssen kichern, schallend lachen oder zumindest grinsen. «Das war damals auch schon so», sagte der Kunsthistoriker. Genau das war auch die Absicht der Maler.   

Schadenfreude war ein beliebtes Thema. Wunderbar dargestellt von Pieter Bruegel dem Älteren (um 1526-1569) in seinem Bild «Der Bauer und der Vogelnesträuber» (1568) - eine seltene Leihgabe des Kunsthistorischen Museums Wien. Ein Bauer weist mit der Hand auf den Räuber, der aus dem Baum zu fallen droht. Er lacht schadenfroh. Doch dabei merkt er selbst nicht, dass er voll ins Wasser tritt.  

Bruegel wurde berühmt für seine Alltagsszenen, vor allem durch die liebevollen holländischen Landschaften. Das Bauernleben oder Menschen mit Schlittschuhen auf dem Eis. Jedes Detail der Kleidung malte er meisterhaft, das Spielzeug der Kinder, das Essen auf den Tellern oder die bellenden Hunde.

Doch Bruegel war nicht der Entdecker dieses Genres. Einer der größten Pioniere der Alltagsbilder ist Hieronymus Bosch (um 1450-1516). Doch während bei Bruegel der Humor im Vordergrund steht, ist es bei Bosch die Angst vor Höllenqualen.    

Spitzenstück der Ausstellung ist das Triptychon «Der Heuwagen» (1515) aus dem Prado in Madrid. Zum ersten Mal seit über 400 Jahren ist dieses kostbare Werk außerhalb Spaniens zu sehen.

Auf den ersten Blick scheint es ein herkömmliches Altarbild zu sein. Auf dem linken Paneel sieht man das Paradies, auf dem rechten die Schrecken der Hölle. Mittendrin steht ein Heuwagen im Zentrum - Symbol für den verwerflichen Materialismus. Kirchliche und auch weltliche Fürsten greifen gierig zu, aber auch das normale Volk. Bosch malte Trunkenbolde, Zigeunerinnen und sogar einen Mord.  

Beliebte Themen von Bosch, Bruegel und ihren flämischen und niederländischen Zeitgenossen waren die Liebe und das Geld. Doch romantische Zweisamkeit zeigten sie nicht. Vielmehr entlarvten sie schonungslos die Lüsternheit, malten statt scheuer Küsschen lieber platten Sex. Und gerne warnten sie auch vor der Herrschaft der Frauen. «Die Frau, die die Hosen anhat, war ein großer Alptraum damals», erläuterte der Kunsthistoriker. 

Merkwürdigerweise nahmen die Künstler im 16. Jahrhundert nicht die Laster der reichen Bürger in Antwerpen oder Amsterdam aufs Korn. Aber vielleicht auch verständlich: Die mussten ihre Werke schließlich auch kaufen.



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    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation