Fotokünstler weisen den Weg in der Bilderflut
Von Christina Sticht, dpa
Lee Miller in Adolf Hitlers Badewanne. Foto: Roland Holschneider
Das Bild der nackten Lee Miller in Adolf Hitlers Badewanne ist verstörend: Die amerikanische Fotografin ließ es nach ihrem Besuch des Konzentrationslagers Dachau am Kriegsende 1945 in der Münchner Wohnung des Diktators machen. Ein Tabubruch, eine Geste des Triumphs, ein Zeichen der Traumatisierung? Die vieldeutige Schwarz-Weiß-Aufnahme hängt im Kasseler Fridericianum, im Hirn der documenta 13, wie deren Chefin Carolyn Christov-Bakargiev sagt.
Fotografien und digitale Bilder sind allgegenwärtig auf der noch bis zum 16. September laufenden Weltkunstausstellung: Der Libanese Rabih Mroué etwa zeigt verschwommene Standbilder aus Handyvideos von syrischen Demonstranten, die ihre Todesschützen aufnahmen. Die Südafrikanerin Zamele Muholi porträtiert lesbische Frauen in Afrika, die wegen ihrer sexuellen Orientierung angefeindet oder sogar vergewaltigt wurden.
Seit sich jeder mit dem Handy als Fotograf und Filmemacher versucht, sind wir umgeben von einer Bilderflut. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen faszinieren künstlerische Fotoarbeiten. Wie in einem Labor ermöglichen sie überraschende Einblicke und erzählen viel über die Welt. Publikumsrenner sind Ausstellungen mit eher journalistischen Bildern aus Kriegsgebieten genauso wie Porträts oder Fotokunst an der Grenze zur Malerei, Installation oder Collage.
«Die Fotografie ist in der Kunst angekommen, die Grenzen verwischen», sagt Werner Lippert, Museumsleiter des NRW-Forums in Düsseldorf, wo jüngst die Schau «State of the Art Photography» ein großer Erfolg war. Deutsche Künstler prägen seit Jahrzehnten die internationale Fotografie. Ausgangspunkt waren Bernd und Hilla Becher mit ihren Serien von Industriebauten, ihre Schüler wie Thomas Struth oder Andreas Gursky wurden zu Weltstars.
Gurskys überdimensionale Flusslandschaft «Rhein II» kam Ende 2011 in New York für 4,4 Millionen Dollar (3,4 Millionen Euro) unter den Hammer. Weltrekord für ein Foto, hieß es dazu. Auch der in Remscheid geborene Wolfgang Tillmans beeinflusst die Szene weltweit. Tillmans machte zunächst mit Fotos aus der Londoner Clubszene auf sich aufmerksam und erhielt im Jahr 2000 als erster Fotograf und Nicht-Engländer den renommierten britischen Turner-Preis.
Bei der nächsten Generation sieht Lippert eine Abkehr von der konzeptionellen Fotografie und Einflüsse der Romantik. «Viele beschäftigen sich mit dem Sublimen, dem Erhabenen.» Die Gursky-Schülerin Alexandra Grein etwa setzt aus im Internet gefundenen Schnipseln von Satelliten-Aufnahmen Landschaftsbilder im Stil von Caspar David Friedrich zusammen.
Andere beschäftigen sich lange mit den Menschen, die sie porträtieren. «Tobias Zielony hat auf sehr besondere Weise sein Thema gesucht und gefunden», sagt Mario Kramer, Leiter der Fotografie-Sammlung im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt/Main. Zielony fotografiert junge Leute an den Rändern von Großstädten und erzählt von Leere, latenter Gewalt und Aufbegehren.
Viele junge Fotokünstler seien an politischen Fragestellungen interessiert, beobachtet die Leiterin der Fotografie-Abteilung des Sprengel Museums Hannover, Inka Schube. Als Beispiel nennt sie Sven Johne, der auf der Mittelmeer-Insel Lampedusa, wo die afrikanischen Bootsflüchtlinge ankommen, leere Hotelzimmer aufnahm. Johne ist auch bei der Gegenwartskunstschau «Made in Germany Zwei» in Hannover mit einer Serie vertreten.
«Ich wünsche mir mehr gesellschaftliche Verantwortlichkeit dafür, was Fotografie als Dokument der Zeitgeschichte leisten kann», sagt die Kuratorin. In den USA werde die Arbeit von Fotografen häufig über Zustiftungen privater Geldgeber finanziert, auch in der Schweiz gebe es mehr Projekte zur Unterstützung künstlerischer Fotografen.
