Filmbesprechung
21.03.2016

«Heart of a Dog»: Filmessay von Lou Reeds Witwe

Von Aliki Nassoufis, dpa

Berlin (dpa) - Manchmal entgleitet einem das Leben. Dann überschlagen sich die Ereignisse und nichts ist mehr wie es war. Gerade wenn ein geliebter Mensch stirbt, scheint die Welt um einen herum vorbeizurauschen.

Auch Laurie Anderson erlebte zuletzt schwere Schicksalsschläge: Erst starb ihr geliebter Hund, dann ihre Mutter, dann ihr Ehemann, der legendäre Musiker Lou Reed. Ihre Gedanken und Emotionen dazu hat Anderson in «Heart of a Dog» verarbeitet - einem kunstvollen und sehr privaten Bilder- und Gedankenrausch.

Anderson, die sich bislang vor allem als Performance-Künstlerin, Fotografin und Sängerin einen Namen gemacht hat, streift hier gesellschaftliche Entwicklungen und grundsätzliche, existenzielle Fragen. Der US-Amerikanerin gelingt es dabei scheinbar spielerisch, Philosophen wie Søren Kierkegaard zu zitieren, Maler wie Francisco de Goya vorzustellen und die Absurdität des US-Überwachungsstaates miteinzubinden.

Ausgangspunkt für all das ist der Tod ihres Terriers Lolabelle. Wenig später starb ihre Mutter, 2013 dann ihr Mann Reed im Alter von 71 Jahren. Wie der Titel schon andeutet, beherrscht aber vor allem Lolabelle viele Sequenzen. Die 68-jährige Anderson versucht zu ergründen, wie der Terrier die Welt um sich herum wahrnahm und was sie selbst so eng an das Tier band.

Doch auch Rocklegende Lou Reed, der Songs sang wie «Perfect Day» und «Walk on the Wild Side», ist in «Heart of a Dog» kurz zu sehen. Auch im Abspann ist des ehemalige Mitglied der Band The Velvet Underground zu hören. Überhaupt ist er irgendwie immer mit dabei, etwa wenn Anderson in ihrer Dokumentation aus dem Off von «Wir» und ihren gemeinsamen Erfahrungen erzählt. Dennoch dreht sich das komplexe, aber nur 75 Minuten lange Werk nicht um Reed, sondern ist vielmehr ein Einblick in Andersons Gedankenwelt.

Einige Zuschauer werden mit diesem assoziativen Filmgedicht wenig anfangen können, sind es doch sehr subjektive Wahrnehmungen und Erfahrungen. Vor allem wenn Lolabelle Klavier spielt, mag man den Bezug zu Anderson und ihrer Welt etwas verlieren. Und doch enthält ihr experimenteller Essay existenzielle Gedanken zum Leben und zum Tod. Das poetische «Heart of a Dog» entwickelt sich so zu einer zutiefst berührenden Meditation über die Liebe und das Abschiednehmen, das Sterben und das Erinnern.

Service:

Heart of a Dog, Frankreich/USA 2015, 75 Min, FSK o.A., von Laurie Anderson



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