Aktuell
17.04.2016

Böhmermann kündigt Auszeit an

Berlin (dpa) - Der von politischen Diskussionen umtoste ZDF-Moderator Jan Böhmermann hat angekündigt, «eine kleine Fernsehpause» einlegen zu wollen. Öffentlichkeit und Internet sollten sich «mal wieder auf die wirklich wichtigen Dinge wie die Flüchtlingskrise, Katzenvideos oder das Liebesleben von Sophia Thomalla konzentrieren», schrieb der Satiriker am Samstag auf bekannt ironische Weise bei Facebook.

Das ZDF bestätigte kurz darauf eine vierwöchige Produktionspause seines Moderators - bis zum 12. Mai. «Das ZDF respektiert diese Entscheidung», hieß es in einem knappen Statement. Auch im Radio wird Böhmermann in den kommenden Wochen nicht zu hören sein.

Zuvor hatten im Streit um ein Schmähgedicht Böhmermanns beide Seiten juristischen Durchhaltewillen bekundet. «Ich streite es durch, bis ich obsiege», sagte der Münchner Anwalt Michael von Sprenger, der den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vertritt. Notfalls werde er bis vor das Bundesverfassungsgericht ziehen, betonte er. Im Gegenzug kündigte ZDF-Intendant Thomas Bellut «vollen Rechtsschutz» für Böhmermann an: «Wir gehen mit ihm durch alle Instanzen», sagte er dem Nachrichtenmagazin «Der Spiegel».

Böhmermann hatte in seiner satirischen TV-Show «Neo Magazin Royale» (ZDF) den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in dem Gedicht mit drastischen Worten angegriffen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte die deutsche Justiz am Freitag ermächtigt, gegen den 35-Jährigen zu ermitteln. Damit gab sie im Namen der Bundesregierung einem Antrag der Türkei statt. Zwei Umfragen im Auftrag von «Bild am Sonntag» und dem ARD-«Bericht aus Berlin» ergaben, dass etwa zwei Drittel der Menschen in Deutschland diese Entscheidung für nicht richtig halten.

«Vom Saarland bis nach Sachsen fühle ich eine Solidarität für die Sendung von der überwältigenden Mehrheit derjenigen, die nicht Präsident Erdogan sind, und dafür möchte ich mich von Herzen bedanken», erklärte Böhmermann. Er verlasse jetzt erst mal das Land, kündigte der Satiriker ironisch an. Reiseziele hat er demnach bereits ausgewählt: Nordkorea - um sich «die Sache mit der Presse- und Kunstfreiheit noch mal genau erklären» zu lassen - und den Jakobsweg. Letzteres mit dem Segway und zwecks Selbstfindung. «Euer Jan.»

Böhmermanns Fernsehsendung lief bisher jeweils donnerstagabends beim Spartensender ZDFneo und am späten Freitagabend im Hauptsender ZDF. Was stattdessen gezeigt werde, sie derzeit noch offen, hieß es vom ZDF. Auch bei seiner Radiosendung «Sanft & Sorgfältig» setzt der Satiriker weiter aus. Sein Management habe mitgeteilt, dass es im April keine Ausgabe der radioeins-Show mehr geben solle, sagte ein Sprecher des Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) am Sonntag.

Von Politikern, Experten und Prominenten wurde das Thema am Wochenende ebenso eifrig wie mit unterschiedlichem Tenor diskutiert. «Ich halte es für richtig, dass Richter über das sogenannte Gedicht von Herrn Böhmermann entscheiden», sagte der frühere Bundestagspräsident und SPD-Politiker Wolfgang Thierse der «Saarbrücker Zeitung». «Ich bedauere die Entscheidung und hoffe, dass der Türkei eine Lektion in puncto Meinungsfreiheit erteilt wird», sagte CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach der «Mitteldeutschen Zeitung».

Der Vorsitzende der konservativ-liberalen Partei Alfa, Bernd Lucke, warf Böhmermann Feigheit vor. «Ihn (Erdogan) abzuwatschen, ist leichtes Spiel. Da klatscht das Publikum, weil es den ungeliebten Erdogan erwischt. Da lacht es über die primitiven Vulgaritäten», schrieb Lucke auf seiner Internetseite. Außerdem äußerte sich Lucke in beleidigender Weise über Böhmermann.

Laut Paragraf 103 Strafgesetzbuch muss, wer einen ausländischen Staatschef beleidigt, in Deutschland mit bis zu drei Jahren Haft oder einer Geldstrafe rechnen. Aber: «Ob es zu einer Verurteilung kommen wird, ist völlig offen», sagte die ehemalige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) der «Passauer Neue Presse». Wenn überhaupt, drohe Böhmermann nur eine geringe Geldstrafe. «Die würde dann hoffentlich das ZDF übernehmen.»

Kanzlerin Merkel hatte am Freitag auch angekündigt, dass der uralte Paragraf noch in dieser Legislaturperiode gestrichen werden solle. Die Vorschrift sei «entbehrlich», sagte sie. Der Paragraf wirke «in der Tat etwas aus der Zeit gefallen», sagte CDU-Generalsekretär Peter Tauber der «Berliner Zeitung».



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    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation