Rezensionen
12.04.2016

«Ich bin dann mal weg» oder ein Mann verschwindet

Von Sibylle Peine, dpa

Berlin (dpa) - Jedes Jahr werden Tausende von Menschen als vermisst gemeldet. Die meisten tauchen nach kurzer Zeit wieder auf. Einige aber bleiben spurlos verschwunden.

So wie Petra P., deren Fall zuletzt für großes Aufsehen sorgte. Vor über 30 Jahren verschwand die damalige Informatikstudentin. Sie wurde für tot erklärt. Doch plötzlich im letzten Sommer tauchte Petra P. quicklebendig wieder in Düsseldorf auf. Sie hatte jahrelang unter anderem Namen gelebt. Petra P. hat die Gründe ihres Verschwindens nie erklärt. Auch in Peter Stamms (53) neuem Roman «Weit über das Land» taucht plötzlich ein Mensch unter.

An einem lauen Sommerabend verlässt Thomas Frau und Kinder. Einfach so, wie nebenbei, als ob es das Selbstverständlichste von der Welt wäre. «Thomas stand auf und ging auf dem schmalen Kiesweg am Haus entlang. An der Ecke angelangt, zögerte er einen Augenblick, dann bog er mit einem erstaunten Lächeln, das er mehr wahrnahm als empfand, zum Gartentor ab.» Ein Verschwinden, dem kein Streit vorausging, das von keinem Abschiedsbrief und keinen Tränen begleitet wird, ein Verschwinden, das rätselhaft und unerklärlich scheint. Es wird auch im Weiteren nicht groß erklärt.

Peter Stamm geht es nicht darum, die Vergangenheit des Ehepaares zu enthüllen, die möglichen Gründe aufzudecken, die zu dem plötzlichen Abtauchen von Thomas führten. Ihn interessiert nicht so sehr das Davor, sondern das Danach. Wie erlebt Thomas seine Flucht und wie geht seine Frau Astrid mit dem Verschwinden, der plötzlichen Leerstelle in ihrem Leben um? Im Wechsel erzählt Stamm aus Thomas und aus Astrids Perspektive.

Zunächst leugnet Astrid einfach die Tatsachen: Für Thomas Chef und die Kollegen erfindet sie eine Krankheit ihres Mannes, den Kindern gaukelt sie vor, der Vater wäre nur für ein paar Tage verreist. Erst nach und nach nimmt das Unfassbare für sie Gestalt an, lässt sie die Wahrheit zu. Schließlich gibt sie eine Vermisstenanzeige auf.

Eines Tages findet man Thomas Kleidung in einer Plastiktüte im Supermarkt. Seine abgelegten Sachen sind ihr Beweis dafür, dass Thomas «seine alte Existenz abgestreift hatte. Er würde nicht zurückkommen, er hatte sich aus ihrem Leben entfernt und hatte, nackt wie ein Neugeborenes, ein neues Leben begonnen.» Am Ende hält sie ihn für tot. Das wäre für sie sogar die einfachste Lösung. Denn dann brauchte sie nicht weiter zu fragen.

Thomas Flucht scheint weniger einem Plan als einer spontanen Eingebung zu folgen. Er macht das, von dem wir alle irgendwann einmal träumen, vor dem die meisten dann aber doch zurückschrecken: Er bricht aus einer festgefügten Ordnung aus, in der er funktioniert hatte, «wie es von ihm erwartet worden war». An einer Stelle seines Weges durch die Berge registriert er die perfekte Ordnung eines Dorfes und macht sich Gedanken darüber, «wie viel Kraft nötig sein musste, diese Ordnung aufrechtzuerhalten». Doch welchen Sinn hatte diese Kraftanstrengung? Wurde sie je hinterfragt? Dagegen setzt Thomas das «Hochgefühl des Unterwegsseins» und eine Zukunft, die «mit jedem Schritt eine andere Wendung nehmen konnte».

Peter Stamm erzählt mit großer Ruhe und Konzentriertheit, die jedoch stets von untergründiger Spannung erfüllt ist, vom Zusammenbruch der Normalität, von der Fragilität des Lebens, in dem niemals etwas selbstverständlich ist. Denn plötzlich kann einer abhandenkommen, für einige Zeit oder gar für immer. Er erzählt auch von der Kraft der Träume und der bitteren Kehrseite, dem Verrat und Verlust. In diesem sorgfältig komponierten Buch erscheint nur der Schluss verstörend, da allzu märchenhaft.

Peter Stamm: Weit über das Land, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 224 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-10-002227-1



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    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation