Rezensionen
05.04.2016

Christoph Hein: «Glückskind mit Vater»

Von Nada Weigelt, dpa

Berlin (dpa) - «Ein neuer großer Deutschland-Roman von Christoph Hein» - so stellt der Suhrkamp Verlag das Buch vor. In «Glückskind mit Vater» erzählt der vielfach preisgekrönte Autor vom Sohn eines NS-Kriegsverbrechers, den zeitlebens die Schuld des Vaters verfolgt.

Eine Familiengeschichte als Zeitgeschichte - vom Kriegsende über die deutsche Teilung bis zum Mauerfall und in die Gegenwart. Der Held Konstantin Boggosch ist für seine Mutter das «Glückskind», weil es 1945 ein russischer Offizier nicht wagte, die hochschwangere Frau abführen zu lassen. Seinen Vater hat der Junge nie gesehen. Er wurde als SS-Brigadeführer am Kriegsende für seine Gräueltaten in Polen hingerichtet. Erst als Konstantin zehn ist, erzählt die unter ihrem Mädchennamen lebende Mutter ihm und dem zwei Jahre älteren Bruder die Wahrheit.

In dem kleinen Städtchen im Osten Deutschlands, in dem der Vater einst ein eigenes KZ für seine florierende Gummifabrik anlegen ließ, ist die Familie in der entstehenden DDR geächtet. Konstantin versucht immer wieder, dem Schatten zu entkommen - vergeblich.

Selbst die Gruppe von Widerstandkämpfern in Marseille, die den dorthin geflohenen «boche» (Scheißdeutschen) liebevoll aufnimmt, muss er wegen deren möglicher Erinnerung an seinen Vater verlassen. Zurück in der DDR bleibt ihm die erhoffte Filmhochschule verschlossen, schließlich schafft er es zumindest zum Lehrer und (Fast-)Direktor. Er sei der Sohn und das letzte Opfer seines Vaters, sagt er einmal.

«Der hier erzählten Geschichte liegen authentische Vorkommnisse zugrunde, die Personen der Handlung sind nicht frei erfunden», schreibt Hein zu Beginn. Und so berichtet der 71-Jährige in einem kühl distanzierten, fast dokumentarischen Ton. Seine Hauptfigur, inzwischen 69, ist der Ich-Erzähler des Lebensrückblicks, der sich selbst beim Tod der Mutter oder dem Bruch mit dem Bruder Emotionen kaum erlaubt.

Nach dem gemischt aufgenommenen, fast verbitterten Roman «Weiskerns Nachlass» (2011) knüpft Hein mit «Glückskind» eher wieder an sein vielgelobtes Werk «Landnahme» (2004) an, das seinen Ruf als poetischer Chronist der DDR festigte. Erneut ist es die eigene Biografie, die ihm die Vorlage für viele authentische Schilderungen liefert. Wie sein Held, so durfte auch er einst als Sohn eines Pfarrers wegen «politischer Unzuverlässigkeit» nicht aufs Gymnasium.

«Es ist ein antisentimentales Buch, und trotzdem ist man beim Lesen zunehmend bewegt» - so fasst es in einem Interview der Schauspieler Ulrich Matthes (56) zusammen, der das Hörbuch eingesprochen hat. Das gilt vielleicht besonders für die Rahmenhandlung, die die Beziehung des inzwischen pensionierten Lehrers zu seiner langjährigen Frau Marianne schildert. «Es gibt einfach nichts in meinem Leben, was sich zu erzählen lohnt», sagt er nach mehr als 25 gemeinsamen Jahren zu ihr. «Gar nichts.» 

Christoph Hein, Glückskind mit Vater, Suhrkamp Verlag Berlin 2016, 22,95 Euro, 527 Seiten, ISBN 978-3-518-42517-6 (auch als E-Book erhältlich).



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    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation