Rezensionen
29.03.2016

John Irving nimmt uns mit auf die «Straße der Wunder»

Von Johannes von der Gathen, dpa

Berlin (dpa) - Er zieht uns gleich wieder mitten hinein ins pralle Leben: Der leidenschaftliche Fabulierer John Irving (74) erzählt in seinem neuen, mittlerweile vierzehnten Roman «Straße der Wunder» von zwei hochbegabten Kindern, die auf einer Müllkippe im mexikanischen Oaxaca leben.

Wir schreiben das Jahr 1970. Der 14-jährige Autodidakt Juan Diego liest pausenlos ausrangierte Bücher und spricht zwei Sprachen fließend, während seine ein Jahr jüngere Schwester Lupe Gedanken lesen kann. Beide befinden sich in der Obhut des menschenfreundlichen Jesuitenpaters Pepe und ihres Ersatzvaters Rivera, weil ihre Mutter Esperanza wenig Zeit hat. Sie arbeitet als Prostituierte und geht im Nebenjob bei den Jesuiten putzen.

Vierzig Jahre später erinnert sich der Vielleser Juan Diego, inzwischen ein weltberühmter US-Schriftsteller, in einer Reihe von Träumen während einer Flugreise an seine bizarr-turbulente Jugend zwischen brennendem Müll, blutenden Marienstatuen und prügelnden Kleinganoven. Die Müllkinder und ihre Sippe sind unverkennbar eine typische Irving-Familie: schön kaputt und verkracht und möglichst weit entfernt von jeder Normalität. Das Dysfunktionale ist die Domäne dieses vor allem in Europa sehr erfolgreichen Autors, der aus den skurrilsten Konstellationen seine tragikomischen Volten schlägt.

Im Interview mit der «Welt am Sonntag» gestand der seit einigen Jahren in Toronto lebende, mit einer Literaturagentin verheiratete US-Amerikaner freimütig: «Ich hatte sehr großen Spaß an diesem Buch. Ich bin mir bewusst, dass Themen, die ich gerne wiederhole, jenen gefallen, die sie schon früher mochten. Und wer das schon früher nicht mochte den treibe ich jetzt zur Weißglut.»

Irving kultiviert auf fast 800 Seiten seine ganz spezielle Art von magischem Realismus, der sich keinen Deut um Plausibilität schert.


Aber die pittoresken Protagonisten bleiben trotz aller Detailversessenheit diesmal seltsam blass, obwohl um sie herum jede Menge los ist. Wir lernen einen Jesuitenpater mit schottischen Wurzeln kennen, den alle wegen seiner Hawaiihemden nur den «Papageienmann» nennen. Der verliebt sich unsterblich in einen Transvestiten, während die Müllkinder als Kuriositäten in einem Zirkus auftreten. Ein wenig funktioniert Irvings Buch selbst wie eine Aufführung in der Manege. Alle paar Minuten eine neue Attraktion.

Die breit ausgewalzte Rahmenhandlung um den gefeierten mexikanisch-amerikanischen Schriftsteller Juan Diego spielt 2010 und wirkt einigermaßen abstrus. Der Starautor schluckt Betablocker, um sich zu beruhigen, und Viagra, um auf Touren zu kommen. Zwei «Literatur-Groupies», Mutter und Tochter, verführen den Büchermann im Luxushotel. Beim Sex mit der Tochter stöhnt diese im altmexikanischen Dialekt. Schließlich landet Juan Diego auf den Philippinen und verstrickt sich heillos in die Familiengeschichte eines befreundeten, jüngeren Autors.

Und es passiert noch sehr viel mehr. Der Plot von «Straße der Wunder» mäandert zwischen den Kontinenten, unzählige Hunde streunen durch die 32 Kapitel, Blut und andere Körperflüssigkeiten fließen in Strömen. Die haarsträubenden Geschichten von den beiden Müllkinder sind das Beste an diesem Buch. Juan Diego und Lupe füllen Rote-Beete-Saft in ihre Spritzpistolen, lauern Touristen auf und reklamieren ein Blutwunder, für das sie dann etwas Geld einsacken. Ideen muss man haben. John Irving hatte diesmal vielleicht einfach zu viele.

John Irving: Straße der Wunder, Diogenes, Zürich, 776 Seiten, 26,00 Euro, ISBN: 978-3257069662



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    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation