Rezensionen
29.03.2016

Nesbøs «Das Versteck» setzt auf Sensibilität

Von Werner Herpell, dpa

Berlin (dpa) - Klappentext und Buchrückseite führen mit den üblichen Krimi-Reizworten auf eine falsche Fährte. Jo Nesbøs neuer Roman ist nämlich nicht «die aberwitzige Geschichte einer Verfolgungsjagd durch halb Norwegen».

Auch die fett gedruckten Worte Drogenhändler und Killer täuschen eine Thriller-Intensität vor, die «Das Versteck» nicht hat. Der zweite Band der 2015 gestarteten Reihe «Blood on Snow» ist ein Buch über die eher unspektakuläre Flucht eines kleinen Gangsters aufs platte Land, über Fremdsein, Furcht - und eine Läuterung durch die Liebe.

Der Vorgänger «Der Auftrag» war ein nicht völlig geglückter Versuch Nesbøs, nach den weltweit zig-millionenfach verkauften Harry-Hole-Thrillern (1997 bis 2013) und dem Intermezzo «Der Sohn» (2014) etwas Neues auszuprobieren. Der Autor wählte mit knapp 190 Seiten die kürzere «Pulp-noir»-Form, er ging zurück ins düstere Oslo der 70er Jahre mit seiner Drogen- und Bandenszene und einem verzweifelten Anti-Helden, der das Drama um verbotenes Begehren und Betrug folgerichtig nicht überlebte.

«Das Versteck» knüpft dort nun locker an: Der Protagonist Ulf ist ein (zunächst) schäbiger Drogenhändler und Geldeintreiber, der vom Mafiaboss des ersten Bandes, dem «Fischer», beschäftigt wird. Dieser diabolischen Figur stellt man sich lieber nicht entgegen - das muss auch Ulf feststellen, der als Killer beim ersten Auftrag krass versagt und auch noch den Paten bestiehlt. In geschickt eingestreuten Rückblenden skizziert Nesbø, warum der Möchtegern-Gangster in die nordöstliche norwegische Finnmark fliehen muss.

Wie sich Ulf in der äußerst entlegenen Heimatregion der Volksgruppe der Samen vor den Schergen des «Fischers» versteckt und einrichtet: Das ist eine Geschichte, die mit den oft nervenzerfetzend spannenden, schockierend blutigen Hole-Thrillern so gar nichts mehr zu tun hat. In aller Gemütsruhe schildert Nesbø die Beziehung Ulfs zur seelisch schwer verletzten Lea und zu ihrem Sohn Knut, seine Auseinandersetzung mit der Religiosität der fremden Menschen - und seinen Versuch, den Verfolgern zu entkommen, vor allem aber den eigenen Dämonen.

Es gibt Szenen von beißender, morbider Komik, etwa wenn der von Suff und Angst zermürbte Ulf versucht, sich mit einer Jagdflinte zu erschießen. Es gibt Momente tiefer Zärtlichkeit und Melancholie, die Nesbø bereits der schwierigen Liebesbeziehung Harry Holes gelegentlich gönnte. Hier erweist sich der 1960 in Oslo geborene Erfolgsautor als großer Sensibilist, den man hinter der rauen Schale des ehemaligen Heavy-Metal-Musikers nicht vermutet. Und er entlässt den Leser mit der Hoffnung, dass die Liebe am Ende doch stärker ist als Bösartigkeit und Tod.

«Das Versteck» ist wie schon «Der Auftrag» nur eine Fingerübung Nesbøs, die aber durchaus neue Facetten dieses - wie einst Stephen King - oft sträflich unterbewerteten Schriftstellers zeigt. Das Buch erhält die Spannung auf den dritten Band der Serie «Blood on Snow», und es verstärkt zugleich den Wunsch, dass der Thriller-Weltstar demnächst wieder zur glühenden Intensität der Hole-Romane zurückkehrt. Ausgeschlossen hat Nesbø das nicht.

Jo Nesbø: Das Versteck. Broschiert, 256 Seiten. Ullstein Hardcover 2016. ISBN-10: 3550080786, ISBN-13: 978-3550080784



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    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation