Rezensionen
15.03.2016

Romandebüt von Ronja von Rönne

Von Alexandra Stahl, dpa

Berlin (dpa) - An Ronja von Rönne kam vergangenes Jahr kein Feuilletonist vorbei. «Warum mich der Feminismus anekelt», hatte die 24 Jahre alte Autorin in der «Welt» dargelegt - und einen Shitstorm im Netz losgetreten.

Auch beim Bachmann-Preis, zu dem von Rönne eingeladen wurde, galt der streitbaren jungen Schriftstellerin («Ich bin keine Feministin. Ich bin Egoistin.») die Aufmerksamkeit. Jetzt hat sie ihren ersten Roman veröffentlicht. «Wir kommen» ist klassische Popliteratur: junge Leute und die Liebe, ein bisschen Sex, ein paar Drogen, Erinnerungen an die Schulzeit und über allem Depression und die Sinnfrage. Die Sprache ist toll, der Plot nicht herausragend.

«Man wusste zutiefst unglückliche Beziehungen mit geschmackvollem Interieur, man kannte die Angst vor dem Fall [...] man wusste nicht, wohin mit sich, man war viele, viel zu viele.» Das Leben von Protagonistin Nora und ihren drei Freunden Jonas, Leonie und Karl - beziehungsweise ihren drei Sexpartnern, denn Nora lebt in einer polyamourösen Beziehung - ist im Grunde wie das von allen anderen, die im Leben nie größere Probleme hatten als sich selbst. Eigentlich könnte alles okay sein - und natürlich ist es das nicht.

Nora allerdings scheint wirkliche Probleme zu haben. Jedenfalls ist ihre Jugendfreundin Maja gestorben, was Nora aber nicht so recht wahrhaben will. Erinnerungen an die Vergangenheit brechen natürlich trotzdem immer wieder durch, allein schon deswegen, weil sie sich in einer Therapie mit ihrem Leben auseinandersetzt und auf Rat ihres Therapeuten ein Tagebuch über ihren Alltag (und ihre Panikattacken) schreiben soll.

Man kann den Roman also auch als Tagebuch lesen - tatsächlich ging von Rönne ihr Debüt auch so an. «Ich wusste, dass es unmöglich ist, einen Roman zu schreiben. Also habe ich angefangen, ein fiktives Tagebuch zu schreiben», sagte sie in einem Interview mit «Edition F».

Neben den Alltag von Nora stellt von Rönne deren Vergangenheit und Freundschaft zu Maja. Über jene Passagen meint von Rönne: «Ich habe sie vor allem geschrieben, um nicht noch ein Berlin-Buch zu schreiben oder eines über frustrierte Beziehungen.»

Genau das ist aber - die Geschichte um Maja, die tatsächlich auch einen guten Sog entwickelt, hin oder her - doch das Tragende des Romans. Von Rönne beschreibt das Leben junger Menschen in der Stadt, die mehr oder weniger anspruchsvolle Kreativberufe haben, ihr eigentlich bürgerliches Dasein auf Partys mit Orgien und Koks brechen («Kokain gehört in eine Ära als Falco Ganz Wien sang und ich noch tot war»), sich nach nie endender Liebe sehnen, in der Freizeit auch irgendwas mit Flüchtlingen machen, keine toten Tiere essen oder eben gerade doch und im Grunde so stinklangweilig sind wie das, was sie nicht sein wollen.

«Meine Protagonisten sind mir nicht sympathisch», sagt von Rönne dazu folgerichtig. Die ewige Selbstbespiegelung dieser austauschbaren Berlin-Zombies trifft die Autorin sehr gut. Allerdings kann man sich auch fragen: so what? Andererseits: Es ist eben Popliteratur.

Von Rönne besticht mit ihren Beobachtungen, ihrem lakonischen Witz. Wenn sie über einen Fahrkartenkontrolleur schreibt «Er sah ein bisschen aus, als macht er sich nicht einmal die Mühe, seinen Curry King aufzuwärmen» ist alles gesagt. Wenn es heißt «Die Frau sah so aus wie jemand, der gern brunchen geht und seinen Laptop Schlepptop nennt. Ihr Freund stand daneben und sah aus wie jemand, der Wortspiele wie Schlepptop lustig findet», rollt man innerlich genauso mit den Augen wie die Protagonistin. Und wenn Nora in einer Bäckerei steht und denkt «Der ganze Laden tat so als wäre Vergänglichkeit ein Scherz, über den man hier im Norden nicht mehr lachte», erinnert man sich, wie man selbst schon hundertmal in solchen Läden stand, ein bisschen ungläubig, ein bisschen wehmütig.

«Wir kommen» ist ein smartes Debüt mit scharfsinnigen Sätzen. Viele schöne Sätze machen allerdings noch keinen richtig guten Roman.

Ronja von Rönne, «Wir kommen», 208 Seiten, Aufbau-Verlag, ISBN 978-3-351-03632-4



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    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation