Rezensionen
15.03.2016

Benedict Wells träumt «Vom Ende der Einsamkeit»

Von Frauke Kaberka, dpa

Zürich (dpa) - Gibt es für jedes Unglück im Leben einen guten Ausgleich? Muss jedes Glück teuer bezahlt werden? Jules kommt zu dem Schluss: Nein! «Das Leben ist kein Nullsummenspiel.» Seine Freundin Alva denkt da ganz anders.

Benedict Wells, der die beiden erfunden hat, stößt den Leser seines neuen Romans «Vom Ende der Einsamkeit» mal in diese, mal in jene Richtung. Kein Wunder, für eine Positionierung ist Wells doch noch viel zu jung - könnte man angesichts des 1984 in München geborenen Autors denken. Doch wer die Vorgängerromane «Becks letzter Sommer» (2008), «Spinner» (2010) und «Fast genial» (2011) kennt, der weiß längst, dass Wells mit seiner geistigen Reife die Lebenserfahrung eines Älteren locker wettmacht.

Um es vorweg zu nehmen: «Vom Ende der Einsamkeit» toppt die früheren Romane und landete prompt ganz oben in den Bestsellerlisten. Wells hat eine wunderschöne Liebesgeschichte geschrieben, die gleichermaßen berührt, erheitert, traurig und froh macht. Es ist eine Familienstory im Stil eines Entwicklungsromans, die zwar mit der Gegenwart beginnt, dann aber konsequent von hinten nach vorn erzählt wird. Hinten - das ist die Kinderzeit von Jules, Liz und Marty.

Jules ist der Jüngste unter den Geschwistern und der Erzähler. Er bezeichnet diesen Abschnitt als Leben, «in dem unsere Eltern nicht gestorben waren». Es ist ein Synonym für seine Sehnsucht und Suche nach Geborgenheit. Der frühe Unfalltod der Eltern, die Jahre im Internat, die Suche nach Identität, nach Liebe und Freundschaft, das Auseinanderdriften der Familie und ihre Wiedervereinigung - das alles wird so mitreißend und durch kluge Konstruktion auch spannend erzählt, wie es sicher nicht allzu viele Autoren vermögen.

Es gibt bei großen Verlusten und tragischen Ereignissen keine sentimentalen Durchhänger, bei Erfolgen und glücklichen Momenten keine euphorischen Ausreißer. Wells lässt die Ereignisse für sich sprechen und wertet nicht. Das tun seine Protagonisten durch ihr Handeln und Verhalten. Es sind großartige Zeichnungen von Jules, Liz und Marty entstanden - den so ungleichen Geschwistern. Plastisch und realitätsnah. Nicht zu vergessen Alva, Jules Seelenverwandte.

Es werden Jahrzehnte vergehen, in denen sich nicht nur die Romanhelden verändern, sondern natürlich auch ihr Umfeld, ihre Lebensbedingungen. Wie Jules und Co. sie beeinflussen, Möglichkeiten nutzen oder ignorieren und somit direkten, mitunter auch unbewussten Einfluss auf ihr Schicksal nehmen, das ist stark und oft sehr berührend geschildert. Wells lässt Jules zu der Einsicht kommen: «In meinem Innern ahnte ich, dass ich vom Weg abgekommen war. Das Problem war nur, dass ich nicht wusste, wann und wo. Ich wusste nicht mal mehr, von welchem Weg.»

Ja, Jules, der Schriftsteller, kann gut mit Worten umgehen. Ebenso wie Benedict Wells, der Schriftsteller. Und so lässt dieser seine Schöpfung Gedanken formulieren, die nicht nur ein gutes Zitat abgeben, sondern gleichsam «Vom Ende der Einsamkeit» künden: «Das Gegengift zu Einsamkeit ist nicht das wahllose Zusammensein mit irgendwelchen Leuten. Das Gegengift zu Einsamkeit ist Geborgenheit.»

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit, Diogenes Verlag, Zürich, 368 Seiten, Euro: 22,00, ISBN 978-3-257-06958-7



Thema des Tages

Von Porsche gibt es künftig keinen Diesel mehr

Berlin (dpa) - Porsche steigt als erster deutscher Autokonzern aus dem Diesel aus. «Von Porsche wird es künftig keinen Diesel mehr geben», sagte der Vorstandschef des Stuttgarter Sportwagenbauers, Oliver Blume, der «Bild am Sonntag». »weiter
Lesen Sie auch:
  • Koalitions-Streit: Seehofer hält an Maaßen fest
  • Tollhaus-Tage einer Koalition: Eine Rekonstruktion
  • Mutmaßliches Kavanaugh-Opfer will vor US-Senat aussagen
  • Computer

    IBM-Manager: Computer werden nicht die Kontrolle übernehmen

    Ehningen (dpa) - Computer und Roboter werden nach Einschätzung des obersten IBM-Digitalstrategen auf lange Sicht nicht die Kontrolle übernehmen. «Computer werden keine autonomen Entscheidungen treffen», sagte IBM-Manager Bob Lord im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. »weiter
    Lesen Sie auch:
  • Amazon will Schlüsselrolle im vernetzten Zuhause einnehmen
  • EuGH soll Haftung von Sharehostern klären
  • EU-Verbraucherkommissarin: Verliere Geduld mit Facebook


  • Wissenschaft

    Roboter-Kundschafter auf Asteroiden gelandet

    Tokio (dpa) - Zwei kleine Roboter-Kundschafter der japanischen Raumsonde «Hayabusa2» sind 300 Millionen Kilometer von der Erde entfernt auf dem Asteroiden Ryugu gelandet. Das gab die japanische Raumfahrtbehörde Jaxa bekannt. »weiter
    Lesen Sie auch:
  • Grüner Knollenblätterpilz zum Pilz des Jahres 2019 gewählt
  • Extrem seltener Käfer weiter verbreitet als gedacht
  • Foodwatch: Kaum Zuckerreduzierung bei Erfrischungsgetränken
  • Börse
    DAX
    Chart
    DAX 12.404,00 -0,22%
    TecDAX 2.813,75 -0,11%
    EUR/USD 1,1750 +0,01%

    Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation