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09.08.2012

Jorge Amado: Brasiliens unvergessener Volksdichter

Von Klaus Blume, dpa

Am 10. August 2012 würde Jorge Amado 100 Jahre alt. Foto: Lehtikuva

Berlin (dpa) - Unter den lateinamerikanischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts war er einer der größten. Wie kein anderer prägte er das Brasilienbild im Ausland und schuf unvergessliche Frauenfiguren. Am 10. August jährt sich der Geburtstag von Jorge Amado zum 100. Mal.

Für manche war er der Lehrmeister der Nation, der Millionen seiner Landsleute zum Lesen brachte. Mit seinen ebenso volkstümlichen wie sozialkritischen Romanen, in denen sich das pralle Leben seiner tropischen Heimat spiegelt, wirkte der 2001 gestorbene Jorge Amado aber auch weit über die Grenzen seines Landes hinaus und prägte das Brasilienbild im Ausland. Er gilt als einer der größten Literaten Lateinamerikas, doch er selbst sah sich nur als «bescheidenen Schriftsteller aus Bahia».

Mit seinen Büchern, die in 49 Sprachen übersetzt wurden, hat Amado Bahia auf die Landkarte der Weltliteratur gesetzt. In Ilheus, im Süden des gleichnamigen brasilianischen Bundesstaates, wuchs er auf. Später zog es ihn in die alte Hauptstadt Salvador da Bahia, wo viele seiner Romane spielen. Er schuf unvergessliche Frauenfiguren wie die nach Zimt und Nelken duftende Gabriela oder Dona Flor, die mit zwei Ehemännern glücklich ist. Die einzigartige afrobrasilianische Kultur Bahias, Geburtsort des Samba und Heimat des Candomblé-Kultes, durchzieht sein Werk.

Schon 1931 schrieb Amado seinen ersten Roman, «O pais do carnaval» (Das Land des Karnevals). Kurz darauf trat der Sohn eines Kakaopflanzers in die Kommunistische Partei ein. Sein politisches Engagement brachte ihm zeitweise Gefängnis und Exil. 1937, zu Beginn des «Estado Novo», der brasilianischen Variante des Faschismus, wurden seine Bücher vor der Marineschule in Salvador öffentlich verbrannt - 1694 Exemplare seiner ersten sechs Romane, wie die Schergen der Vargas-Diktatur akribisch vermerkten.

Von 1945 bis 1948 saß Amado als Abgeordneter der Kommunisten im brasilianischen Parlament. Danach bereiste er die Sowjetunion und schrieb 1951 «O Mundo da Paz» («Welt des Friedens»), eine Lobeshymne auf das sozialistische Lager. Er bekam dafür den Stalin-Friedenspreis, doch schon bald untersagte er alle Neuauflagen des Propagandawerkes. Denn er begann sich vom Kommunismus loszulösen. Der endgültige Bruch kam 1956 mit dem XX. Parteitag der KPdSU, als die Sowjetführung Stalins Verbrechen offenlegte.

Dem Schriftsteller Amado tat die Abkehr von den Dogmen gut. Seine Bücher wurden lockerer, lebensfroher, witziger. Der Erfolg ließ nicht auf sich warten, 1958 gelang ihm mit «Gabriela, cravo e canela» («Gabriela wie Zimt und Nelken», dt. 1963) ein Bestseller. Er erzählt die Liebesgeschichte zwischen Gabriela und Nassib, der hinnehmen muss, dass er die lebenslustige junge Frau nicht für sich alleine haben kann. Die Geschichte wurde mehrfach verfilmt und machte die brasilianische Schauspielerin Sônia Braga als Gabriela berühmt, erst in einer Telenovela 1975 und dann 1983 in einem Spielfilm mit Marcello Mastroianni.

Selbstbewusste Frauen, die sich persönliche, vor allem erotische Freiheiten nehmen, sind auch die Hauptfiguren anderer Romane Amados, wie «Dona Flor und ihre zwei Ehemänner» (1966), der in zwei verschiedenen Übersetzungen 1968 in der Bundesrepublik und 1970 in der DDR erschien. Nicht überall kam der Brasilianer damit gut an. «Feministinnen witterten in ihm einen sexistischen Macho, obwohl er viel weniger weibliche Sexobjekte als weibliche Sexsubjekte und ohnehin mehr attraktive Frauen- als Männergestalten geschaffen hat», schreibt der Literaturwissenschaftler Henry Thorau.

Ein anderes Thema Amados war der Rassismus, die Diskriminierung der Schwarzen und Mulatten durch die hellhäutige Oberschicht. In seinem jetzt bei Fischer in neuer Übersetzung erschienenen Roman «Die Werkstatt der Wunder» von 1966 erzählt er die Geschichte des Mulatten Pedro Archanjo. Eigentlich nur Hausmeister der Universität von Bahia, schreibt dieser als Autodidakt Bücher, in denen er entgegen der Anfang des 20. Jahrhunderts herrschenden Lehrmeinung die Vermischung der Rassen lobt und eine «Rassendemokratie» propagiert. Archanjo ist ein Alter Ego Amados, der ihn als seine liebste Figur bezeichnete.

Mehrfach war Amado Kandidat für den Literaturnobelpreis, doch am Ende reichte es 1994 nur für den Camões-Preis, die immerhin höchste literarische Auszeichnung im großen portugiesischen Sprachraum. Auch im Alter schrieb er noch Bücher, doch litt er schon unter Krankheiten. Amado starb vier Tage vor seinem 89. Geburtstag. Am Pelourinho-Platz, im Herzen der Altstadt Bahias, pflegt in einem der schönsten Kolonialbauten eine Stiftung das Erbe des Mannes, der die Stadt wie kein anderer beschrieben hat.



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    Quelle: Deutsche Bank / Realtime Indikation