Ingrid Noll lädt zur Kreuzfahrt ein
Von Frauke Kaberka, dpa
Krimi-Autorin Ingrid Noll veröffentlicht ihr neues Werk «Über Bord». Foto: Wittek
Doch noch bevor sich die feine Gesellschaft in Richtung Mittelmeer aufmacht, lädt die Autorin zu einer Familienzusammenführung der besonderen Art ein. Und dieses Patchwork-Gespinst hat es in sich. Da ist zunächst Großmutter Hildegard, bei der die Fäden zusammenlaufen. Mit ihr im Haus wohnen die geschiedene Tochter Ellen und Enkelin Amalia. Ellen hat vier Geschwister, ein weiterer Bruder (uneheliches Kind des Vaters) taucht urplötzlich aus der Versenkung auf. Gerd wird freundlich aufgenommen. Sogar dann noch, als seinetwegen ein weiteres Familiengeheimnis gelüftet wird.
Anscheinend aus Dankbarkeit lädt Gerd die ewig unter Geldnot leidenden Ellen und Amalia zur Kreuzfahrt ein. Die drei begeben sich gemeinsam mit Gerds Frau Ortrud an Bord. Für Ellen und Amalia, deren Alltag gewöhnlich alles andere als spannend ist, eröffnet diese Reise völlig neue Perspektiven. Und zumindest eine von ihnen hat nach der Reise noch an den Folgen zu knabbern.
Was auf dem Luxusliner in zwei Wochen so alles passiert, welche teils skurrile Gesellschaft ertragen werden muss und wie die beiden Frauen mit der neuen Verwandtschaft klarkommen, das erzählt Noll in bekannt vergnüglicher Art und Weise. Nicht von ungefähr wurden die Bücher der Bestsellerautorin («Die Apothekerin», «Der Hahn ist tot») bislang in rund 20 Sprachen übersetzt. Wer die Romane der 76-Jährigen kennt, weiß, dass darin aber immer auch ein Verbrechen geschieht. Dieses so unaufgeregt und beiläufig zu schildern wie einen Frühjahrsputz, ist Ingrid Nolls Markenzeichen.
Und auch dieses Mal scheint Mord eher Nebensache zu sein. Vielmehr sind es die Gedankengänge und Seelendramen der Protagonisten, denen Noll auf den Grund geht. Zudem hat sie die Gabe, im Alltäglichen das Skurrile zu sehen und es mit ihrem ausgeprägten schwarzen Humor hingebungsvoll wiederzugeben. Trotz allem Bösen, das im neuen Buch an Bord und an Land passiert - ein Lächeln kann man sich bis zum Schluss nicht verkneifen.
(Ingrid Noll: Über Bord, Diogenes Verlag, Zürich, 336 Seiten, Euro 21,90, ISBN: 978-3-257-06832-0)
