«Als ich im Sterben lag» in neuer Übersetzung
Von Gisela Ostwald, dpa
Der amerikanische Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger William Faulkner wenige Monate vor seinem Tod 1962. Foto: dpa
Er selbst hat den Roman von 1930 nach Angaben des Rowohlt Verlags als sein bestes Werk bezeichnet. Die moderne Übersetzung von Maria Carlsson ist erst die zweite deutschsprachige Fassung des Buches in acht Jahrzehnten.
Die Handlung beschränkt sich auf kurze Zeit, etwa eine Woche. Addie Bundren, verheiratet und Mutter von fünf teils schon erwachsenen Kindern, liegt im Sterben. Während sie auf den Tod wartet, kreischt direkt vor ihrem Fenster die Kreissäge von Sohn Cash. Er baut den Sarg für die Mutter und hält ihr stolz die gelungene Arbeit vor.
Addie hat ihrem Mann Anse kurz vor dem letzten Atemzug noch das Versprechen abgenommen, sie im Grab ihrer Familie im entfernt gelegenen Jefferson zu bestatten. Faulkner-Fans kennen die fiktive Stadt im ebenso fiktiven Kreis Yoknapatawpha County. Sie sind die Kulisse aller Geschichten, die der gefeierte Autor (1897 bis 1962) dem Glanz und Verfall der Südstaaten nach dem verlorenen Bürgerkrieg gewidmet hat.
19 Romane und hundert Erzählungen gehören zu dem umfangreichen Werk, das der Abkömmling einer angesehenen, aber durch den Krieg verarmten Familie in Mississippi zu Papier brachte. «Als ich im Sterben lag» schrieb Faulkner nach eigenen Angaben in nur sechs Wochen während seiner Schichten als Aufseher im Heizwerk der Universität.
Aus seiner Feder stammen auch die Drehbücher, nach denen Howard Hawks und andere Starregisseure Hollywoodklassiker wie «Haben und Nichthaben» und «Tote schlafen fest» schufen. Europäische Kritiker ernannten den genialen Vielschreiber einst zum größten Romancier der Vereinigten Staaten im 20. Jahrhundert. In seiner Heimat wuchs Faulkners Ansehen erst so richtig durch den Nobelpreis. Er gewann außerdem zwei Pulitzerpreise.
In seinem Meisterwerk von 1930 bedient sich Faulkner einer Erzähltechnik, die als Bewusstseinsstrom (stream of consciousness) bekannt ist. Sie gibt die Gedanken und Empfindungen einer oder mehrerer Personen ohne klare Zuordnung wider. In «Als ich im Sterben lag» beschreibt Faulkner das Geschehen aus der Sicht von 15 Menschen, Addies Angehörigen, Nachbarn, dem Priester und der Toten selbst.
Das Ergebnis ist eine prall gefüllte, packende, tragikomische Geschichte mitten aus dem Leben des tiefen amerikanischen Südens. Als sich die Familie Bundren endlich auf den Weg macht, um ihre Matriachalin zu beerdigen, ist deren Leiche vier Tage alt, kreisen schon die Bussarde über dem Haus. Unterwegs gibt eine Brücke dem Hochwasser nach, gehen Fuhrwerk und Sarg bei der Flussdurchquerung beinahe verloren, verliert Cash beinahe sein Bein, fällt Dewey Dell, die schwangere Tochter, auf einen Apothekergehilfen herein.
Ebenso atemberaubend wie das Geschehen ist Faulkners Sprache. Er hat seinen Ruf nicht umsonst erworben. Und wer ihn bisher noch nicht gelesen hat, wird es bei der Lektüre dieser modernen Neuübersetzung mit Sicherheit nicht bereuen.
William Faulkner: Als ich im Sterben lag, Aus dem Englischen von Maria Carlsson, Rowohlt, 265 Seiten, 19,95 Euro, ISBN: 9783498021337
