Rezensionen
26.06.2012

Kerstin Schweighöfer über «Kiffer und Kalvinisten»

Von Christoph Driessen, dpa

Kerstin Schweighöfer hatte eigentlich in Paris leben wollen - doch es sind die Niederlande geworden. Foto: privat/dpa

Berlin (dpa) - Eines Abends steht er im Spanien-Urlaub plötzlich vor ihr: lang, lockig, locker - Jan Kees, der Holländer. Er hat den Bus nach Granada verpasst.

Die Begegnung wird das Leben von Kerstin Schweighöfer für immer verändern - denn sie verliebt sich auf Anhieb in diesen Jan Kees, und einige Zeit später zieht sie zu ihm in das unbekannte Land hinter den Deichen.

So beginnt «Auf Heineken könn wir uns eineken: Mein fabelhaftes Leben zwischen Kiffern und Kalvinisten», eine überaus unterhaltsame und nebenbei auch noch informative Landeskunde in Form eines autobiografischen Romans. Auf 350 Seiten erobert sich der Leser eine neue Welt, genauso wie Kerstin Schweighöfer dies tun musste, als sie vor über 20 Jahren in die Niederlande zog. Als Frankreich-Liebhaberin hatte die Journalistin aus Süddeutschland eigentlich von einem Korrespondenten-Dasein in Paris geträumt. Aber dann war es eben nicht ein Jean-Luc, der sie ins Ausland entführte, sondern besagter Jan Kees.

In dessen Heimat muss sie sich erst einmal radikal umstellen. Ihre sündhaft teuren roten Pumps verstaut sie bald im Schuhkarton - «Pariser Chic ist vielen Niederländerinnen so fremd wie das angebliche Leben auf dem Mars». Kalvinisten hauen eben nicht auf den Putz. Und noch etwas ist ganz anders als in Frankreich: Das schönste Essen wird von Jan Kees zu einem Brei zusammengematscht - «Schatje, im Magen sieht das doch genauso aus!»

Daran kann sich Kerstin nur mit Mühe gewöhnen. Aber das mit der Lockerheit, das stimmt. Ganz cool parkt Jan Kees parallel zur Kanalkante ein, obwohl es keinerlei Absperrung gibt. Die Ärzte verschreiben kaum mal ein Medikament, und ihre Kinder bekommen die Niederländerinnen zuhause. «Und wenn was schiefgegangen wäre?», fragt Kerstin entsetzt. «Lieve hemel», lautet die Antwort. «Wieso seid ihr Deutschen nur so furchtbar pessimistisch?»

Die neuen Freunde, die Kerstin in der Fremde gewinnt, schließt im Laufe des Buches auch der Leser ins Herz: die kleine Daphne aus Jan Kees' voriger Beziehung, die Sexie-Hexie-Oma mit rosa schimmerndem Lippenstift und hochgesteckten Locken oder die schwer kranke Mevrouw Visser, die Kerstin eines Tages anruft und ihr eröffnet, dass sie am nächsten Vormittag aus dieser Welt scheiden wird: «Mein Hausarzt kommt um zehn.» Sterbehilfe ist in den Niederlanden schließlich legal.

Das Buch ist natürlich in erster Linie etwas für Holland-Interessierte - aber nicht nur: Einen Jan-Kees-Moment, der die eigene Lebensplanung plötzlich in Frage stellt, kennen schließlich viele. Dann muss man flexibel sein - und die Champagnerflasche auch schon mal für eine Dose Heineken stehen lassen.

Kerstin Schweighöfer: Auf Heineken könn wir uns eineken: Mein fabelhaftes Leben zwischen Kiffern und Kalvinisten, Piper, 352 Seiten, 9,99 Euro, ISBN-13: 978-3492272926



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    Quelle: Deutsche Bank / Realtime Indikation